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Freitag, 9. Mai 2014

" Aber keinen Damenbesuch! Wir schlafen nebenan!" oder: Bude - Bruchbude - Studentenbude.



Wir schreiben den Frühsommer 1978. Ich hatte mich bereits seelisch darauf vorbereitet, das BWL - Studium an der Fachhochschule in Wilhelmshaven nunmehr an der Hochschule für Wirtschaft in Bremen fortzusetzen und dort längst einen Antrag auf einen Studienortwechsel gestellt, als sich die ersten Schwierigkeiten wegen einer Unterkunft abzeichneten. Das dortige Semester war noch längst nicht beendet und deshalb gab auch kaum ein Student sein Zimmer auf. So setzte ich alle Hebel in Bewegung, möglichst umgehend eine Bude in der Nähe der Fachhochschule zu erhalten. Doch: Das Angebot sah äußerst dürftig aus. Aus den entsprechenden Anzeigen im Bremer Weser Kurier konnte ich nichts annehmbares heraus lesen. Entweder waren die Zimmer viel zu weit entfernt oder einfach viel zu teuer. Oft wurden aber auch Bruchbuden für unverschämt viel Geld offeriert.
So fuhr ich einige Male von Wilhelmshaven nach Bremen und suchte noch einige Wochen lang in den Bremer Zeitungen herum, ehe ich eines der vielen Maklerbüros anrief.

Der Meister am anderen Ende der Leitung kam sofort arrogant herüber. Er musste wohl gleich gemerkt haben, dass ich weder ein Bremer war, noch von einem eigenen Telefonanschluss aus anrief, sondern eine öffentliche Telefonzelle benutzte. So bügelte er mich mit wenigen Sätzen, deren Inhalt irgendetwas von den Vorurteilen gegenüber Studenten wiedergab, schroff ab. Nix da, mit Vermittlung, weil die faulen Studiosis eh kein Geld hätten, ihm seine Provision nicht bezahlen würden und auch sonst unsichere Kantonisten seien.

Ein zweiter Berufsausübender fragte mir zunächst ein " Loch in den Bauch ". Er wollte genau wissen, was ich in Bremen mache, wo ich her käme und wie lange ich in Bremen zu bleiben geächte. Dann ging´s um´s Geld. Also BaföG, Unterhalt, Kaution und Miete. Ob ich verheiratet sei, war für ihn auch noch wichtig. Nach eigenen Kinder fragte ( frug ) *  er mich allerdings nicht.
Dann rückte er telefonisch eine Adresse heraus, die ich mir auf eine Seite meines " Studienkalenders " mit dem Kuli einschrieb: " Uphuser Heerstraße... bei Meta Meier ( nicht mit " y " ). Dann folgten noch:  1 Zimmer, möbliert, Küche, Bad, 26 m², Miete, 220,-- DM, warm. Der Mietvertrag sei dann bei ihm im Büro zu unterschreiben und gleichzeitig eine Maklerprovision von 400,-- Mark zu zahlen. Wenn ich das Zimmer nicht nehmen sollte, erbat er sich eine telefonische Absage. Ach, ja, Frau Meta Meier sei jetzt zu Hause und ich können sofort vorbei kommen.

Nachdem ich mir die Straße auf dem " Falk " - Stadtplan von Bremen,, der seit Wochen mein treuer Begleiter war, angesehen hatte, startete ich meinen " Gartenstuhl ", den " Waldmeister " - grünen Renault R4 und fuhr von der Bremer Neustadt über die Neuenlander Straße in Richtung Autobahn A1 und dort die Abfahrt Bremen - Uphusen / Mahndorf wieder ab.
Die Uphuser Heerstraße war kaum zu verfehlen, denn sie führt von der Autobahn kommend, entweder nach Bremen hinein oder heraus. Ich wusste, dass die höheren Hausnummern eben stadtauswärts waren. Also: Die Straße in diese Richtung fahren. Nach kurzer Zeit hatte ich die Adresse gefunden. " Meta Meier " stand an dem Briefkasten mit Klingel. Ich drückte den Knopf und wartete. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür. Ein kleines, älteres Muttchen von vielleicht 1,55 m Größe in einem typischen, Blümchen gemusterten, hellblauen Kleid und einer darüber angelegten, schon leicht vergilbten, Kittelschürze stand vor mir.

" Sie wünschen? ", schnarrte sie mir entgegen. " Ja, hääämmhh! Ich komme vom Maklerbüro .... in Bremen. ", wollte ich ihr antworten. Sie unterbrach mich in einem etwas rigorosen Ton und sagte: " Ich weiß schon. Wegen des Zimmers, nicht? ". " Richtig! ", gab ich ihr zur Antwort.
" Na, kommen Sie mal mit. ", bat Meta Meier mich und schaute mich dabei fixierend an. Sicherlich sah ich mit meinen verwaschen Jenas, dem blauen T - Shirt, den " Jesus " - Latschen und den Schulter langen Haaren nicht gerade vertrauenswürdig aus.
Wir stiegen eine steile Treppe hoch und gelangten in den oberen Stock des Bremer Hauses. Dort öffnete Meta Meier eine Tür. " Das wäre dann das Zimmer. ", gab sie mir als Information beim Betreten des kleinen Raumes mit. Ein alter Kleiderschrank, ein schon recht betagtes, schmales und zudem noch sehr kurzes Bett, eine Kommode, ein Nachtschränkchen, ein älterer Schreibtisch mit Schubladen, ein Tischlampe und ein Läufer waren im Zimmer zu sehen.

Dann zeigte sie mir den Nebengelass, also, das winzige Badezimmer und eine in einem Nebenraum befindliche Mini - Einbauküche. Nach dem visuellen Teil meines Besuchs, folgte der inquisitatorische Abschnitt. " ja, also, Herr W..., was machen Sie eigentlich? ", wollte Meta Meier von mir wissen.
" Ja, ich studierte. ", gab ich dem Muttchen zur Antwort. " An der roten Uni? ", wollte sie mit einem vorwurfsvollen Unterton nun von mir wissen.
" Nein, nein, nicht an der Uni. An der Hochschule für Wirtschaft. ", entgegnete ich ihr in einem demütigenden, entschuldigenden Ton.
" Ach, ja, Wirtschaft. ", wiederholte sie kurz und setzte sodann ihren neuen verbalen Giftpfeil. " Sind Sie eigentlich verheiratet? ", entkam es Frau Meier.
" Verheiratet? ", wiederholte ich ihre Frage, als sei dieses bereits eine Todsünde, als Student in festen Händen zu sein. " Nee, ich bin nicht verheiratet, Frau Meier. ", fügte ich sofort hinzu.
" Ach, so, Sie sind nicht verheiratet, Herr W..." bestätigte Meta Meier meine Antwort. " Also, Damenbesuch, Herr W..., den Damenbesuch, den, können Sie nur tagsüber empfangen. Wissen Sie, ich bin eine ältere Frau und die Nachbarn hier, wissen Sie? " stotterte Frau Meier etwas verlegen herum.

Ich hatte schon verstanden: Keinen Damenbesuch über Nacht. Ich überlegte einen Moment und fasste die Fakten dabei schnell zusamen: 26 m², warm, Bad, kleine Küche, für 220 DM im Monat - ohne Damenbesuch. " Vielen Dank vorerst, Frau Meier. Ich telefoniere dann noch mal mit dem Makler, ja? ", sagte ich zu ihr, wohl wissend, dass ich die Bude im Uphusen nicht mieten werde. Nicht deshalb, weil der Damenbesuch nicht erlaubt war, sondern weil sie eben weit vom Schuss, von der Innenstadt, dem " Viertel " und auch der HfW liegt.

Frustriert fuhr ich nach Wilhelmshaven zurück. In meine Studenunterkunft in der Waagestraße 11, bei Familie Woldemar Pelletier, zurück. Den Mietvertrag für die Bude ohne Dusche, Zentralheizung und mit einem Kanonenofen hatte ich zum 1. Oktober 1978 gekündigt.  Also, weiter suchen, weiter " Weser Kurier " und " Bremer Nachrichten " kaufen und weiter am Samstag den Wohnungsmarkt studieren. Oder einen anderen Makler anrufen? Warum eigentlich nicht?
Ich fuhr am nächsten Tag wieder nach Bremen, parkte erneut in der Neustadt und suchte die gleiche Telefonzelle wie am Vortag auf.

Also: Auf ein Neues. Dieses Mal hatte ich ein weiteres Büro in der Innenstadt an der Strippe. Die Maklerin am Ende der Leitung kannte sich bestens mit den studentischen Gepflogenheiten aus. Ja, sie hatte quasi ein Herz für Studierende, denn ihr Sohn sei auch ein solches Exemplar. Volltreffer!

Sie fragte nach meinem Budget und gab mir eine Telefonnummer, unter der ich direkt mit dem Vermieter sprechen könne. So wählte ich denn irgendeine mit 40 beginnende Nummer und wartete. " Ja, Schulz ", meldete sich eine Frau am Telefon. Nun legte ich los. Sie hörte sich meinen ganzen Sermon an und antwortete eher knapp, dass ich wegen des Mietvertrags gleich vorbei kommen könne; das Zimmer aber erst zur Monatsmitte frei werde, weil da noch Jemand ausziehen wolle.

Gut, also fuhr ich aus einer dieser typischen Nebenstraßen in der Bremer - Neustadt in der Nähe der Weser nochmals los und gurkte mit meinem R4 in Richtung Hastedt. Natürlich hatte ich mir erneut die Strecke bis zur Oesselmannstraße 4 auf dem " Falk " - Stadtplan angeschaut . Und dennoch: Ich verfuhr mich einige Male, weil es - wie viele andere Straßen in Bremen auch - eben eine Einbahnstraße ist. Eng, ohne große Parkmöglichkeiten und mit den typischen Bremer Häusern bebaut.
Nach einigen Versuchen stand ich in der Nähe der Straße und ging den Rest zu Fuß.

Am Haus Nummer 4 angekommen, klingelte ich bei Familie " Schulz ". Die Klingelleiste zeigte zwei Mal den Namen und noch einen weiteren " Pregel " las ich da. Hmmh, so viele Parteien in einem so kleinen Haus? Die Tür wurde geöffnet. Eine ältere, rundliche, kleine Dame stand vor mir. " Guten Tag. Ich komme wegen des Zimmers bei Ihnen.", sagte ich wohl. " Ja, Schulz. Wie war noch gleich Ihr Name? ", wollte die Frau von mir wissen.
Ich antwortete ihr. " Ja, kommen Sie mal herein. Wir können uns das Zimmer auch ansehen. Der junge Mann ist nicht da. ", erklärte mir Frau Schulz.

So mühte sich die zukünftige Vermieterin zwei enge Treppen hoch, ehe sie vor einer weiß lackierten Zimmertür stand. " Ja, hier wären wir. Ich schließe mal auf. ", sagte Frau Schulz. Zuvor klopfte sie aber höflich an, falls der Mieter wohl doch anwesend sein könnte. Es war still im Raum. Frau Schulz nästelte an einem dicken Schlüsselbund herum. Dann steckte sie einen dicken Schlüssel in das Schloss. Es war einer dieser mir bekannten Schlüssel für Zuhalteschlösser. Einfach, eben und leicht mit einem platt geschlagenen Eisendraht oder einem Eisenbügel von einem Zinkeimer zu öffnen.

Frau Schulz trat in das Zimmer ein. Ich folgte ihr. In einem gebührenden Abstand. An dem Auftreten der älteren Dame erkannte ich, dass sie mit Sicherheit die berühmten Haare auf den Zähnen hat. Wie sich später heraus stellte, hatte sie in der Familie auch die Hosen an. Aber, weiter.
Sie zeigte mir den Raum. Klein war er, sehr klein sogar. Ein Bett, ein mittelgroßer Kleiderschrank, ein Nachtischschrank, ein Stuhl, ein Tisch, ein Waschbecken, ein Spiegel, eine Spiegelablage, ein Läufer, bunte Übergardinen - spartanisch eben. Zwar keine Bruchbude, wie ich sie vorher schon mal gesehen hatte, auch kein Luxuszimmer, was ich mir unisono nicht hätte leisten können.

" Also, das Zimmer kostet 180 Mark. Warm, mit Strom. Duschen müssten sie dann in dem anderen Bad auf der Etage. ", gab Frau Schulz an. " Ja, gut. Wie ist das mit dem Deponat? ", wollte ich noch wissen. " Nein, wollen wir nicht. Das gibt nur Ärger, weil andere Mieter davor dann nichts mehr bezahlt hatten und einfach ausgezogen sind ohne zu kündigen, wissen Sie? ", sagte sie zu mir. " Aja, also gut. Ich nehme das Zimmer. ", antwortete ich Frau Schulz. Sie strahlte mich plötzlich an.  " Die Miete müssen Sie am Monatsanfang in bar bezahlen. ", teilte mir Frau Schulz noch mit. Dann ging sie aus dem Raum. Ich folgte ihr, die leicht knarrenden Treppenstufen herab. " Wir gehen mal in das Wohnzimmer, um den Mietvertrag fertig zu amchen. Ja, mit dem Makler müssen Sie sich einigen. Da habe ich nichts mit zu tun.", sagte sie zu mir, als die Wohnzimmertür aufging.

Auf einem uralten, durchgesetzten Sofa saß ein fast kahlköpfiger, dünner Mann. " Das ist mein Mann. ", sagte Frau Schulz zu mir. " Fritz, das ist Herr...äh, wie war noch gleich Ihr Name? " Ich antworte ihr und gab dem Männchen, der einen Krückstock zum Aufstehen benötigte, artig, so wie ich erzogen worden war, die Hand und stellte mich bei ihm vor. " Ja, ja, das,das, Zimmer haben, haben Sie gesehen?", wollte Herr Fritz Schulz von mir wissen. Ich antwortete ihm in einem zackigen, vom Barras herrührenden Ton, weil ich sofort merkte, dass Fritz nicht gesund war. Dann fragte mich Fritz standardmäßig: " Herr, ääähhhmm, W., sind Sie Bremer? ". " Nein! Ich komme aus Niedersachsen! ", gab ich ihm die zackig, korrekte Antwort. Er schaute mich an und sagte: " Ach, so!"
Fritz Schulz hätte es aber auch so erkennen können, dass ich nicht über den " ssspitsen Ssstein sssstolpere !, nicht bei " Kaassstaaaadt einkaufen gehe " und kein " Bremer Knipp ", " Bremer Labskaus " oder " Pluckte Finken " esse und eben keine " Bremer Kluten ", " Bremer Kaffeebrot " oder gar " Heißwecken " kenne. Er gab sich mit meiner Antwort, eben kein " Bremer " zu sein, zufrieden. Hätte er mich nicht im Jahr 1978, sondern beispielsweise 1988 gefragt, ich hätte ihm dann zumindest sagen können, dass ich " Butenbremer " bin, weil ich viele weitere, neben den oben aufgeführten Bremer Eigentümlichkeiten längst gekannt hätte.

Dann kramte Herr Schulz eine alte Ledermappe hervor und zog einen der üblichen Formularmietverträge ( so heißen diese Dinger bei uns im Juristendeutsch ) heraus. Er nahm einen schon abgenutzten Kugelschreiber und begann diesen auszufüllen. Dabei stellte er einige Fragen. Nach einem etwas längeren Zeitraum schob er den Papierstapel zu mir herüber. " Sie müssten dann mal da unten unterschreiben. ", bat er mich.
Ich kritzelte jeweils  meinen Namen in das vorgesehene Feld. Dann unterschrieb er selbst. Einen Vertrag gab er mir zurück. " Sie können erst Mitte des Monats, äh, am 15. einziehen. Dafür brauchen Sie aber nur 90 Mark bezahlen. Wollen Sie die gleich bezahlen? ". " Ja! " antwortete ich ihm wieder laut und zackig. Fritz freute sich, denn anhand der völlig veralteten Einrichtung erkannte ich, dass Schulz´ens nix auf der Naht hatten.

Fritz Schulz nahm das Geld entgegen und stellte mir eine Quittung aus. " Ja, ich gebe ihnen dann den Schlüssel, wenn Herr... " ausgezogen ist. Sie können am 15. vorbeikommen. " Ich erhob mich aus einem reichlich betagten Sessel mit grauem Stoffbezug und gab Fritz Schulz die Hand, um mich zu verabschieden. Ein kränklicher, alter Mann begleitete mich mit einem schwarzen Krückstock bis zur Tür und wünschte mir noch eine Gute Fahrt, als ich ihm erzählte, dass ich noch nach Wilhelmshaven fahren müsse.
Erleichtert stieg ich in den  R4 und fuhr in Richtung Osterdeich, am Weserstadion vorbei, über die Wilhelm - Kaisen - Brücke  zur Bremer Neustadt, auf die Neuenlander Straße, die B75, die Oldenburger Straße in Richtung Autobahn A 28 und A 29 nach Wilhelmshaven.

Der 15. September näherte sich und mein R4 war voll gepackt mit Umzugsgut. Einige Kisten konnte ich schon verstauen, wenn ich die Rückbank einfach umklappte, entstand sofort eine große Ladefläche. Der R4, ein kleines Raumwunder, also.

Dann zuckelte ich los. Meine Habseligkeit in Kisten verpackt, den Tank mit 25 Litern gefüllt und den " Falk " Stadtplan auf dem Beifahrersitz. Bremen - ich komme!
Nach  zirka 1 1/2 Stunden stand ich vor der Haustür bei Familie Schulz in der Oesselmannstraße.
Ich klingelte und lud, nachdem mir Frau Schulz die Tür aufgemacht hatte, meine Kisten aus.
Dann erhielt ich von Fritz Schulz zwei Schlüssel. Einer war für die Haustür, ein weiterer für die Aufgangstür zum Treppenhaus.

So verbrachte ich der erste Nacht in der neuen Studentenbude.
Nach und nach lebte ich mich ein wenig in Bremen ein. Besuchte an der Hochschule für Wirtschaft regelmäßig die Vorlesungen und lernte einige Kommilitonen kennen.
Die Tage und Wochen vergingen. Ich hatte das ausrangierte ITT - Schaub - Lorenz Kofferradio Touring TS 80 meiner Eltern mit genommen und hörte jeden Abend die BFBS - Evening - Show und zuvor die " Hansawelle " von Radio Bremen.
Und muss wohl dabei eines abends eingenickt sein. Jedenfalls sprach mich Frau Hertha Schulz beim Verlassen des Hauses um kurz vor halb acht mit den Worten an: " Guten Morgen, Herr.... Bei Ihnen brannte gestern Nacht noch lange Licht. Sie sind doch nicht etwa bei Licht eingeschlafen? ", fügte sie noch vorwurfsvoll dazu. " Nein! Wieso? ", antwortete ich ihr. " Na, das kostete viel Strom und Geld!", blaffte sie mich an. " Ich habe noch gelernt. ", log ich der Vermieterin vor. " Das macht man im Hellen, bei Tageslicht!", belehrte sie mich. " Nee, Frau Schulz, da war ich noch in der Vorlesung!", gab ich ihr die energische Antwort dazu und drehte mich um.
" Alte Granne!", dachte ich bei mir und ging zum Auto, dass ich auf der Nebenstraße abgestellt hatte.

Einige Tage später klingelte es unten an der Tür. Ich hatte es mir, wie immer beim Lesen und Radio hören, auf dem Bett gemütlich gemacht und meine Füße aus Platzmangel auf den Stuhl, den ich mit der Überdecke belegte, gefläzt, als ich plötzlich laute Stimmen und ein wildes Durcheinander zu hören waren. Es dauerte nur einen Moment, da klopfte es an meiner Zimmertür. Hertha stand davor und erhob ihre Stimme: " Herr ..., Herr ..., können Sie mal nach unten kommen. Da steht ein Taxifahrer und bringt den betrunkenen Herrn Pregel zurück. Der kommt die Treppe nicht allein hoch. Können Sie da mal mit anfassen?"
Hertha schien ziemlich aufgelöst zu sein. " Ich komme gleich, Frau Schulz!", gab ich ihr zur Antwort und hob mich aus dem Bett hoch, zog meine festen Schuhe an und betrat das Treppenhaus. Als ich unten ankam, stand ein etwas untersetzter Mann mittleren Alters im Hauseingang und stützte einen, mindestens einen Kopf kleineren, etwa Gleichaltrigen, der nicht mehr auf den eigenen Füssen stehen konnte und ständig zur Seite abzukippen drohte. " Der Herr Pregel kommt nicht mehr allein hoch! Diese Trinkerei, ewig! ", sagte Hertha Schulz zu mir. Der Taxifahrer und ich nahmen Herrn Pregel unter die Arme, hievten ihn hoch und bugsierten ihn Treppenstufe für Treppenstufe nach oben.

Frau Schulz schloss in der oberen Etage, fast unter dem Dach liegend, ein weiteres Zimmer auf und schnarrte uns an: " Legen Sie den mal auf das Bett, dort drüben. Den Rest mache ich schon!" " Machen wir!", feixte der Taxifahrer noch und grinste mich dabei an. Dann verließen wir den Raum, indem ein riesige Weltkarte, ein Kompass und ein hölzernes Steuerrad zu sehen waren. Herr Pregel war also Seemann. Er kam - wie ich später erfuhr - von einer Fahrt nach Südamerika wieder und hatte eine Teil seiner Heuer in Bars und Kneipen versoffen.
Hertha Schulz war darüber so sauer, dass sie am nächsten Morgen nicht grüsste.
Sie war auch noch am nächsten und am übernächsten Tag stink sauer.
Dann hatte sie sich beruhigt.

Am folgenden Wochenende blieb ich in Bremen und bereitete mein Referat vor, das ich am nächsten Montag zu halten hatte. Ich tippte mit der alten Olympia " Monika " - Schreibmaschine auf Matrizen den vorgeschrieben Text ab. Am Montagmorgen wollte ich diesen auf dem Vervielfältigungsgerät abdrucken. Eine mords Arbeit. Doch es ging um eine gute Benotung und da wollte ich keine Fehler machen.
Ich tippte und tippte und tippte bis Sonntagmittag, als es plötzlich an der Tür klopfte.
Hertha Schulz stand davor und hatte einen Teller mit Essen in der Hand.
" Für Ihre Bemühungen bei Herrn Pregel. ", sagte sie zu mir.
Nachdem ich mich bedankt, das wohl schmeckende Mahl verdrückt hatte, brachte ich den Teller wieder zu Schulzens in die Wohnung. Hertha hatte nun bessere Laune und erzählte mir von früher.
Ihr Mann, also Fritz, war vor dem Krieg selbständiger Schneidermeister. Es ging ihnen finanziell recht gut. Dann traf eine Fliegerbombe das Haus und zerstörte es fast vollständig. Nach 1945 war eine schwere Zeit. Sie mussten das Haus wieder aufbauen. Das kostete viel Geld. Fritz Schulz arbeitete beinahe täglich Tag und Nacht dafür. Als sie es geschafft hatten, war Fritz Rentner. Wenige Jahre danach erlitt er einen Schlaganfall und konnte kaum noch gehen. Die rechte Seite war vollständig gelähmt. Es folgten Reha - Maßnahmen, die nur bedingt Erfolg hatten. Nun musste Hertha alles alleine erledigen. Deshalb war sie so verbiestert.

Ich verstand die Frau, denn das Leben nach dem 2. Weltkrieg war überall nicht gerade ein Zuckerschlecken; aber, dann auch noch Hab und Gut zu verlieren, wie die Schulzen´s, das ist schon eine riesige Bürde. Nicht, dass ich mich bei Hertha einschleimen wollte und die heute so übliche Betroffenheit mimte, aber irgendwie tat mir die Frau schon leid. Zumal sie im Alter dann auch noch um jeden Pfennig kämpfen musste, denn Fritz Schulz bezog damals garantiert keine hohe Rente - wenn überhaupt -, weil er einst selbständig war und vielleicht auch nie " geklebt " hatte, wie es einst so schön zutreffend hieß, als das Führen der Sozialversicherungsnachweise noch Sache des Versicherten war, dieser ein Rentenheft besaß, in das er die Marken, wie bei Rabattheften, einzukleben hatte.

Ich bedankte mich bei Hertha Schulz für das Essen und wünschte ihr noch einen schönen Sonntag, ehe ich wieder zum Matrize tippen in mein Zimmer hoch ging.  

Einige Wochen später, ich war inzwischen fleißig am Studieren, vor allem am " Scheine machen ", denn bis zum Abschluss des Vorstudiums benötigte ich insgesamt 18 Leistungsnachweise, besuchte mich - überraschend - eine Kommilitonin, um mir einige Klausuren und Skripten zu übergeben. Ich war jedoch an jenem Freitagnachmittag bereits unterwegs zu meinen Eltern. Die Studentin übergab also Hertha Schulz die Unterlagen, die diese wiederum vor meine Zimmertür legte.

Als ich am späten Sonntagsabend zurück kam, lagen die Skripten immer noch vor der Tür. Ich hob diese auf und brachte sie in das Zimmer. Montagmorgen traf ich dann Hertha Schulz im Flur. " Herr ..., ich habe Ihnen da Papiere vor die Tür gelegt. Da war eine junge Dame, die diese hier abgegeben hat. ", sagte Hertha Schulz zu mir.
" Ja, vielen Dank. Ich habe sie gesehen. ", antwortete ich ihr und wollte gerade das Haus verlassen, als Hertha Schulz mir noch eine wichtige Regel mit auf den Weg gab: " Ach, Herr ..., ich möchte Ihnen noch sagen: Bitte keinen Damenbesuch über Nacht. Wir schlafen gleich nebenan! "
Ich drehte mich nur kurz um und antwortete ihr: " Ja,ja, ist schon klar!" Dann stieg ich in mein Auto ein und fuhr zur Vorlesung.

Irgendwann danach rief meine Mutter wegen eines anstehenden Geburtstags an und unterheilt sich dabei zunächst am Telefon mit Hertha Schulz. Dabei erzählte ihr meine Vermieterin wohl auch, dass sie keinen Damenbesuch wünsche und begründete dieses damit, dass sie ja schon alt seien und meine Mutter dieses verstehen müsse. Nun, ja, Verständnis dafür hatte sie vielleicht schon, doch darüber amüsiert   hatte sie sich auch, wie sie später in einem Gespräch zugab. Damit war denn auch klar: In der Oesselmannstraße 4 bei Familie Schulz gab es für mich keinen Damenbesuch über Nacht.
Nun, damit konnte ich einst durchaus leben. Schließlich galt mein Hauptaugenmerk dem Studium der BWL.

Irgendwann an einem trüben Novemberabend fuhr ich mit meinem grünen R4 in den benachbarten Stadtteil, nach Hemelingen. Dort hatte eine neue Diskothek mit dem viel sagenden Namen " Aladin " aufgemacht. Angeblich werde dort progressive Popmusik bespielt. Die Diskothek befand sich an einer durchaus stark befahrenen Straße, nämlich der Hannoversche Straße 11. Ich parkte ort in einer Nebenstraße und begab mich zum Eingang. Nachdem ich 5 DM Eintritt bezahlt hatte, gab es einen Stempel auf den Handrücken und zwei Talons für den Verzehr. Im Inneren der Räume war es laut. Hardrock dröhnte aus den vielen Lautsprechern. Ich nahm zunächst die Diskothek unter die Lupe und setzte mich irgendwo in die Ecke, um die Musik zu genießen.

Gegen 23.00 Uhr verließ ich das " Aladin " und fuhr zurück in meine Studentenbude. Schon reichlich müde versuchte ich den Schlüssel in die Tür zum Treppenaufgang zu stecken. Irgendwie war irgendetwas anders als sonst. Der Schlüssel passte nicht. Aber, warum passte er nicht? Ich versuchte es erneut. Wieder konnte ich den Schlüssel für das eingepasste Steckschloss nicht hinein bekommen. Noch einmal versuchte ich es. Dann knackte es und der Schlüsselbart war abgebrochen. " Ach, du liebe Sch...! Was jetzt? ", dachte ich. Dann klingelte ich bei Schulzens. Es rührte sich nichts. Ich klingelte erneut. Nach einigen Minuten wurde ich wütend und klingelte bei dem im Haus mit wohnenden Sohn der Eheleute Schulz. Der hörte das Klingeln schließlich und kam völlig verschlafen nach unten. Ich erklärte ihm, dass der Schlüssel beim Versuch, das Schloss zu öffnen, abgebrochen sei.

Murrend nahm er das Malheur zur Kenntnis. Der Sohn hatte seinen Schlüssel von innen stecken lassen. Das Steckschloss funktionierte nicht und deshalb brach auch mein Schlüsselbart ab. Am nächsten Tag wurde mir nach der Rückkehr von den Vorlesungen gleich eine Rechnung präsentiert. Für den neuen Schlüssel sollte ich 8,50 DM zahlen. Sofort und bar - versteht sich!
Mir reichte es nun endgültig.
Ich besorgte mir über einen Studienkollegen die Adresse einer Wohnungsverwaltung und rief dort einige Tage später an. Tatsächlich, es waren noch Zimmer frei. Das Semester war beinahe beendet und deshalb zogen einige Studenten wieder aus. Im Februar packte ich meine Habseligkeiten und kündigte den Mietvertrag bei Schulz in der Oesselmannstarße 4.

Die Unterkunft Am Dobben 104 im Ostertor, im Viertel also, war noch grausamer. Verwinkelte Treppenaufgänge und knarrende Holzfußböden. Immerhin durfte ich dort Damenbesuch empfangen. Dennoch war es eine Bruchbude mit Wänden so dünn wie Pappe. Aber keine daneben schlafenden Vermieter, so, wie einst in der Oesselmannstraße 4 in 2800 Bremen 1, im Herbst / Winter 1978.

Mir fällt dazu Reinhard Mey´s besungene Eigenerfahrungen mit Frau Emma Pohl ein. Voila´:


Erster Teil der Trilogie
Andante

Im Zimmer ist Mief, die Türe hängt schief,
Es zieht mörderlich durch's Fenster
Und dann gibt's Gespenster die nachts hier tanzen
Und ein paar Wanzen in den zerschlissenen Betten.
Die Tapete ist nicht mehr zu retten;
Hat Risse schon an allen Enden,
Liegt allein an den schiefen Wänden.
Drei Dielen liegen noch im Zimmer,
Mit zwei'n wär's weitaus schlimmer.
Dafür hat der Tisch nur zwei Beine,
Na ja, besser als keine!
Oh, Du himmlisch gemütliche Wohnstatt
Für achtzig D-Mark im Monat,
Alles inklusive
Außer der Liebe.
Denn Damenbesuch ist bei mir nicht drin,
Hier bestimmt eine keusche Vermieterin.
Auf Ihr Wohl,
Alte, fette Frau Pohl!

Zweiter Teil der Trilogie auf Frau Emma Pohl,
Gespräch mit derselben
Allegro assai

Also liebe Frau Pohl, nu komm' Se mal rein.
Komm' Se nicht an den Tisch, der hat nur noch ein Bein!
Sie meinen, es war einfach grauenvoll
Was hier gestern abend passiert sein soll?
Sie sagen, ich hätte da drei Herren zu Besuch
Und aus meinem Zimmer drang Schnapsgeruch;
Dann hätten wir was über Sie gesungen,
Und dann hätt's wie zerschmetterte Möbel geklungen,
Also ob Schränke zerbersten und Fenster zerschellen
--Frau Pohl -- das kann ich mir gar nicht vorstellen!
Sie sagen, dann seien wir zu Ihnen gekommen
Und hätten uns erst richtig danebenbenommen.
Sie sagen, Herr Ofen goß im Delirium
Drei Flaschen Korn ins Aquarium.
Herr Schobert habe, wie sie sagen,
Die letzten Dielen aus meinem Zimmer getragen
Und habe damit, als es kühl ward zur Nacht,
Ein Feuerchen auf Ihrem Teppich gemacht
Mit den Worten: "Ach, die Alte, die wird's schon erlauben!"
Frau Pohl -- das kann ich gar nicht glauben!
Beim Abschied viel später im Morgengrau'n
Erlegte Herrn Wader den Gartenzaun,
Und die anderen seien auch erst gewichen,
Nachdem sie Ihre Katze grün angestrichen.
Sie meinen, die Herren, die wären wohl nicht
So ganz der richtige Umgang für mich.
Bei meinem Mietrückstand und bei dem Schaden
Sollt ich sie heute abend nicht schon wieder einladen!
Na schön, ich will Ihnen nicht mehr böse sein,
Ich lad' Sie auf ein Glas Alka-Seltzer ein.
Auf Ihr Wohl, Hochverehrte Frau Pohl!

Dritter und letzter Teil der Trilogie
er sollte ursprünglich Aussöhnung mit Frau Emma Pohl heißen,
hat sich jedoch dann in ein Allegro furioso hineingesteigert,
so dass ich letzten Endes doch umziehen musste.

Es klopft an meine Tür um Mitternacht
Das hält meine Tür natürlich nicht aus und zerkracht.
Komm' Se rein, Frau Pohl, doch Vorsicht, bitte sehr,
Hier gibt's nämlich jetzt gar keine Dielen mehr,
Und man ist in diesen heiligen Hallen
Eh' man sich's versieht, durch den Fußboden gefallen!
Was bringt mir die Ehre Ihrer Visite?
Probier'n Sie's mal wieder wegen der Miete?
Nein, wie Sie so von einem auf's andre Bein wanken,
Da ahne ich schon, Sie wollen sich bei mir bedanken,
Dafür, daß meine drei Freunde und ich
In Ihrer Abwesenheit feinsäuberlich
Den Flurschaden und das Kleinholz wegräumten
Von unserer Feier. Sie glaubten, Sie träumten,
Als Sie die Betonmischmaschine fanden,
Wo gestern noch Ihre Rosen standen.
Herr Wader hat sich so geniert
Und darum Ihr Wohnzimmer neu zementiert
Und zum Zeichen, wie sehr er die Bombe bedauert,
Hat er gleich noch zwei Wände dazugemauert.
Die machen jetzt aus Ihrem Wohnzimmer drei.
Ein Tip unter Freunden: Vermieten Sie zwei!
Der Schnaps im Aquarium ist neutralisiert,
Ihr Fisch ist wieder nüchtern und nur wenig lädiert,
Auch Ihre Katze können Sie jetzt wieder anfassen:
Wir haben sie chemisch reinigen lassen.
Aber um alles so schön zu gestalten,
Mußten wir uns an Ihren Sparstrumpf halten.
Doch nichts sollte Ihnen zu teuer sein
Für so ein gemütliches Eigenheim.
Auf Ihr Wohl, Hochverehrte Frau Pohl!




*
Der Unverbesserliche

Man fragte mich: »Heißt’s fragte oder frug?«
Ich sagte drauf: »Ich wähle immer fragte,
Da man ja auch statt sagte nicht spräch’ sug,
Was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte.«
Der andre sprach: »Ich werde draus nicht klug,
Man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte?«
Ich sprach: »Ausnahmen sind nur schlug und trug;
Doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte.
Nun wird der Zweifel, der bisher Sie nagte
Und plagte – und nicht etwa nug und plug –
Behoben sein, ob richtig frug, ob fragte?«
Der andre sprach: »Sie haben recht«, und schlug
Sich an die Stirn, als ob ihm Licht nun tagte.
»Verzeihen Sie, dass ich so töricht frug.«
Verfasser unbekannt, um 1900

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