Wally und Kurt aus Berlin
Als das Einfamilienhaus meiner Eltern ab Mitte der 1970er Jahre langsam, aber dafür sehr zielgerichtet, in eine Privatpension umgewandelt wurde, konnte meine Mutter als Betreiberin dieses Geschäftsmodels auch auf Stammgäste zählen. Dazu gehörte ein betagtes Paar aus dem fernen Berlin. Dieses besuchte den nahe gelegene Kurort Bad Eilsen in jedem Jahr, um sich hier von dem stressigen Großstadt - Alltag zu erholen. Die Berliner gastierten dazu ab April oder September für drei Wochen bei meinen Eltern.
Vor mehr als 45 Jahren kostete eine Übernachtung in dem zum Doppelzimmer umgestalteten Raum, der davor von meiner Schwester bewohnt war, lediglich 12 DM je Nacht, später dann 15 DM. Ein Schnäppchen, verglichen mit den 20 -, zuletzt 25 DM je Übernachtung in den 1990ern. Dazu gab es ein Frühstück.
So konnte das Paar aus Berlin sich locker drei Wochen Bad Eilsen - Aufenthalt leisten, der ausnahmslos von Waltraut ( " Wally " ), einer finanziell gut aufgestellten Witwe aus der damals geteilten Großstadt an der Spree, bezahlt. Ihr um einige Jahre jüngerer Begleiter, ein mittelloser, geschiedener Mann, aus Berlin - Neukölln, hätte diesen Urlaub nicht antreten können. Er war geschieden und bezog eine sehr schmale Rente von der LVA. Waltraut indes hatte ein kleines Vermögen von ihrem früh verstorbenen Mann geerbt. " Wally " zeigte ihren Wohlstand deshalb auch offen. Sie trug teuren Goldschmuck, teure Klamotten und nutzte kostspieliges Makeup.
Auch vom optischen erschien das Paar sehr ungleich. " Wally " war eher leicht korpulent, während Kurt eine beinahe schmächtige Figur vorwies. Die beiden Berliner wiesen allerdings einige Eigenarten auf. " Wally " trank ihren Kaffee eher schwarz, Kurt mochte ihn lieber mit Milch. Kurt strich sich so genannte Diät - Margarine der Marke " Becel " auf sein Brot oder Brötchen, " Wally " hingegen favorisierte Butter. Der mittellose Rentner aus Neukölln ließ sich jeden Tag von der gut situierten Lebensgefährtin aus Neukölln zum Essen einladen. Die Gaststätte suchte sie allerdings aus.
Die beiden Großstädter erholten sich in dem kleinen Kur - und Heilbad nördlich des Weserberglandes und wirkten entspannt als sie wieder abreisten.
Allerdings zeigten sie dabei auch ihre dunkleren charakterlichen Seiten. Eher zufällig hörte meine Mutter ein Gespräch zwischen den Beiden am Frühstückstisch in der Küche mit. Hier nörgelte das Paar ungeniert über die schlechte Unterkunft, das unzureichende Frühstück sowie den Übernachtungspreis. Das übliche Gemeckere eines Gastes eben. Doch meiner Mutter reichte es. Sie entlarvte das wahre Gesicht ihrer Berliner Stammgäste. Als die Beiden im folgenden Jahr wegen des Zimmers wieder anfragten, bügelte meine Mutter sie freundlich, aber bestimmt ab. Sie habe kein Zimmer mehr frei.
Damit war das Ende der davor fast familiären Beziehung zwischen " wally " und Kurt aus Berlin besiegelt. Ein weiteres Jahr danach rief Kurt bei meinen Eltern an und erzählte ihr, dass " Wally " erkrankt sei und eine Fahrt nach Bad Eilsen nicht mehr bewerkstelligen könne. Sie kämen deswegen nicht wieder. Das hätten sie auch so nicht gekonnt, denn meine Mutter hat väterlicher Seite vogtländische Gene in sich getragen. Sie war sehr oft ein sturer Esel. Wenn es einmal gut war, ruderte sie nicht wieder zurück. Basta!

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