Säufermond

 


Er wurde als zweites Kind des HO - Bezirksleiters Walter L. und dessen Ehefrau, der Chemielaborantin Isolde L. am 10. 07. 1967 in Dresden geboren. Dieser Tag war ein Montag. Er erhielt den Namen Jörg. Jörg starb am  09.11.2015; einem Montag.

Dazwischen lagen 48 Jahre 3 Monate und 20 Tage eines durchaus bewegten Lebens.

Dieses startete mit der Kinderkrippe, dem Kindergarten sowie ab dem 7. Lebensjahr mit der Polytechnischen Oberschule. Nach der 10. Klasse verabschiedete sich der junge Mann von dem eher ungeliebten schulischen Seiten und versuchte sich mit einer Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker. Ein begehrte und durchaus anspruchsvolle Lehre, die er bereits nach weniger als 1 Jahr hinwarf.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 18 Jahre alt. Damit - auch nach DDR - Recht - volljährig.

Die DDR dümpelte 1985 bereits in Richtung Untergang dahin. Vier Jahre später war es dann soweit. Im November 1989 wurde de facto das Experiment eines sozialistischen Staatsgebildes beendet. Von den DDR - Bürgern selbst. Die wollte Reisefreiheit, einen Westwagen fahren und nicht mehr nur in der Platte einkaserniert sein.

Jörg L., der sich bis dahin mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten hatte ( in der DDR galt die Arbeitspflicht ) erkannte seine Chance im Bereich des Veranstaltungsgewerbes, dass durch den enormen Nachholbedarf in den so genannten Neuen Bundesländern boomte. Jeder Schlager - Fuzzis, alle Pop - Größen und vor allem die damit zu einem zweiten Frühling bereits abgemeldeten Rockstars der 1970er bis 1980er Jahre erfuhren eine Renaissance.

Er war eine Dekade lang voll im Geschäft. Zusammen mit einem Jugendfreund hatte er eine Firma für die Vermietung von Bühnenausstattung und Musikanlagen gegründet. Von Joe Cocker über Peter Maffay bis Marius Müller - Westernhagen betreute er die Auftritte der Musikgrößen.

Doch das eher unstete Berufsleben forderte seinen Tribut. 

Durch den inzwischen verstorbenen Vater wurde er als Kind, aber auch als junger Mann, nahezu gepampert. Der erkor ihn zu seinem Liebling. Für diesen bereitete er das Frühstück, strich ihm die Schulbrote und ließ ihn durch den eigenen Chauffeur zur Schule fahren. Das waren beinahe paradiesische Zustände inmitten der Tristesse des real sozialistischen Landes.

Doch das nach außen zelebrierte perfekte Familienleben hatte auch Schattenseiten. Der Vater, ein " guter " Genosse, war im ersten Berufsleben mit der DDR - Handelsmarine zur See gefahren. Das wirkte sich negativ aus, denn der Vater soff. Und weil der Vater soff, sahen es auch beide Söhne. 

Irgendwann nach der Wende soff auch der jüngste Sohn, Er soff, weil der Vater verstorben war, er soff auch, weil das Leben nach dem Untergang des Staates, der ihn davor mehr als 2 Jahrzehnte direkt oder zumindest indirekt nahezu überall bevormundet hatte, nun nicht mehr das war.

Vor ihm und seinem weiteren Leben tat sich jetzt ein Nichts auf. Ein großes schwarzes Loch, in das er hinein fiel und dort verschluckt zu werden drohte.

Jörg L. versuchte der Sucht zu entkommen. Er klammerte sich an eine junge Frau, die er heiraten wollte. Kurz vor der Eheschließung brach die Beziehung auseinander. Er bag sich wieder dem Alkohol hin. Er soff, weil er mit dem Leben nicht klar kam.

Die Trunksucht schlug sich auch auf seinen Job nieder. Er wurde unzuverlässig, weil er soff und zu Terminen nicht erschien, weil er immer mehr Geld benötigte, um weiter Saufen zu können.

Sein Kompagnon zog die Reißleine und warf ihn aus der Firma. Er war inzwischen 40 und stand vor den Trümmern seines Lebens, dass nun nur noch aus Saufen bestand. 

Als er zu unserer gemeinsamen 60ten - Geburtstagsfeier erschien, trank allein er 6 Flaschen Rotkäppchen Sekt. Als er ein Jahr später bei uns erschien und uns um Geld anbettelte, sah er bereits mitgenommen aus. Die Leberzirrhose war so weit fortgeschritten, dass er stark abgenommen hatte. Sein Gesicht war eingefallen, die Hände zitterig, die Aussprache nur noch stammelnd. Ich fuhr mit ihm zu einem Bankautomaten und hob eine kleinere Summe vom Konto ab.

Einige Wochen später erschien er erneut bei uns und bat um Geld. Ich verwehrte ihn seinen Wunsch, weil ich wusste, dass er es zum Saufen brauchte. Ich gab ihm den Rat, sich in eine Therapie zu begeben.

Ich sah Jörg danach nicht mehr lebend wieder. Er verstarb laut Obduktionsbericht am 09. 11. 2015 in seiner Einraumwohnung in der Plattensiedlung Dresden - Gorbitz an Herzversagen. Die Feuerwehr musste dort die Eingangstür gewaltsam öffnen. Er hatte sich davor tagelang nicht mehr bei seiner in Dresden lebenden Mutter gemeldet. Diese wusste, dass er nicht mehr am Leben war. Auch wenn sie sich nicht mehr um den alkoholkranken Sohn kümmern wollte, weil sie es auch nicht gekonnt hätte, sagte ihr eine innere Stimme, dass dieser nicht mehr leben würde. 

Jörg L. hatte sich - so wie Millionen Menschen vor ihm auch -  totgesoffen.

Einen Säufermond wird er nicht mehr erlebt haben, dazu fehlte ihm nicht nur das Geld.




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