Porsche zerlegt und sich getrennt
Vor mehr als 48 Jahren war bekanntlich vieles anders; wenngleich auch nichts besser. Es gab allerdings - noch - die Trennung zwischen Ost und West. Sodann nicht nur die hieraus sich ergebene zwischen Gut und Böse. Ferner bereits jene zwischen Arm und Reich.
Irgendwo dazwischen lebte die Familie meiner Tante G. Sie war, so wie mein Vater auch, Flüchtling. Beide wurden in der Nähe der oberschlesischen Stadt Kreuzburg geboren. Tante G. besuchte dort die Dorfschule, absolvierte eine Lehre bei einem Schlachter, ehe sie zur Reichsbahn dienstverpflichtet wurde.
Nach dem Ende des II. Weltkriegs gelangte meine Tante G. in die britische Besatzungszone, genauer gesagt, in eine so genanntes Auffanglager für Vertrieben nach Niedersachsen. Von dort wurde sie nach Bückeburg umgesiedelt. Hier lernte sie den wesentlich älteren August M. kennen, der sich zunächst als Fuhrunternehmer und Kohlenhändler versuchte. Hieraus konnte er ein wenig Geld verdienen, um später das elterliche Haus, das einst ein Bauernhof in der vormals eigenständigen Gemeinde Knatensen sanieren zu können.
Die Zeiten wurden besser. Die Heizgewohnheiten änderten sich. Viele Haushalte rüsteten auf Ölheizung um. Mein Onkel, der inzwischen zweifacher Vater geworden war, gab den Kohlenhandel und das Fuhrgeschäft auf. Er hatte von seinem Vater die Heilkunst der Chiropraktik erlernt. Er sattelte nun auf Chiropraktiker, vormals auch als Knochenbrecher bekannt, um.
Die Privatpraxis florierte nach anfänglichen Schwierigkeiten, Schon bald behandelte mein Onkel Patienten aus sämtlichen Bundesländern der BRD. Unter ihnen auch Reiche, wie den Kaffeeröster Nicolaus Daboven aus Hamburg. Die Gelder flossen, obwohl mein Onkel offiziell kein festgelegtes Entgelt für seine Tätigkeit entgegen nehmen durfte. Nach einem Jahrzehnt hatte mein Onkel ein neues Haus gebaut, fuhr einen chicken Mercedes und hatte sich ein Waldgrundstück bei Rinteln zugelegt.
Mein Cousin, der knapp drei Jahre älter ist als ich, versuchte sich zunächst mit dem Abitur am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg, musste dann auf ein Internat nach Holzminden weiter gehen und schaffte es dann irgendwann in den 1970er Jahren. Nach einigen Umwegen nahm er ein Medizinstudium in Bonn auf. Ende der 1970er wechselte er dann zu Universität Kiel.
Hier quälte er sich einige Semester an der Medizinischen Fakultät. In dieser Zeit lernte er eine durchaus attraktive Kommilitonin kennen, deren Eltern aus Kiel stammten und als durchaus wohlhabend galten. Mein Cousin verlobte sich mit Ende 20 mit dieser Dame und zog mit ihr zusammen. Diese norddeutsch herbe, weil blonde Frau mit einem typisch, leicht knöcherigen Gesicht, lebte auf großen Fuss, denn sie hatte es nicht nötig, in den Semesterferien gehen zu müssen, um ihre hohen Ansprüche an das Studentenleben umsetzen zu können. Weil sie den hierzu erforderlichen, jedoch unverdienten Geldsegen ausschließlich von ihren Eltern erhielt, prahlte nicht nur sie herum. Die einzige Tochter aus dem bürgerlichen Kieler Bürgerhaus, fuhr denn auch im feinen Zwirn mit dem Porsche 911 meines Cousins protzend herum.
Den konnten sich ihre Eltern selbst nicht leisten. Wohl aber mein Onkel, der den Sportwagen locker aus den durch seine Tätigkeit als Chiropraktiker ( vulgo: Knochenbrecher ) erzielten Einnahmen bezahlt hatte. Onkel A. aus Bückeburg arbeitet dafür 7 Tage lang in jener Woche, beinahe Jahr für Jahr. Die Einnahmen sprudelten dafür üppig. So zahlte mein Onkel stoisch jeden Montag einen mittleren fünfstelligen Betrag auf sein Konto bei der Volksbank Bückeburg in bar ein. Das Konto wuchs an. Ein weiteres bei der Sparkasse ebenfalls. Dieses steckte mir eines Tages meine Schwester, die zu der Zeit dort eine Ausbildung absolvierte.
Als ich mit unserem Vater an einem Sonntag bei Onkel A. in Bückeburg besuchte, standen bereits am Vormittag dutzende PKW auf der zum Parkplatz umgebauten Freifläche zwischen dem elterlichen Haus und dem Bungalow - Neubau. Das Haus war voll mit Patienten, die in einem eingerichteten Raum zwischen Küche und Wohnzimmer warteten. Vor dem als Behandlungszimmer umfunktionierten Zimmer dahinter stand rechts neben der Tür ein kleiner Tisch auf dem sich ein mit einem Tischdeckchen befand. Hierin erkannte ich eine Vielzahl DM - Scheine, darunter auch 500er - Banknoten. Mir fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als ich den kleinen Geldhaufen sah.
Es waren die Einnahmen an jenem Sonntagmorgen gegen 11.00 Uhr.
Danach war mir klar, warum mein Cousin einem so üppigen Lebensstil pflegen konnte. Warum auch die übrige Familie ein durchaus finanziell sorgenfreies Leben führen durfte. Zumindest bis zum Tod meines Onkels in den 1990er Jahren. Danach endete der Geldsegen abrupt. Zeitlich irgendwo dazwischen lagen diverse Auseinandersetzungen meines Onkels mit dem Fiskus, aber auch die Auflösung des Verlöbnisses meines Cousins mit der schönen Kieler Dame aus gutem Hause.
Die hatte während einer Fahrt mit dem Angeber - Porsche meines Cousins durch den norddeutschen Winter, die Karosse an einem Baum zerlegt. Die vormalige Verlobte konnte wieder zusammengeflickt werden, der Sportwagen indes nicht. So stellte sich deshalb die Frage, wer den PKW aus Zuffenhausen bei Stuttgart ersetzt. Die Versicherung? Nein, denn für einen selbst verschuldeten Unfallschaden kommt nur eine Vollkasko auf. Die Dame und Fahrerin selbst? Nein, denn die war finanziell so gestellt wie eine nackter Mann. Dem kann m(M)an(n) bekanntlich nicht in die Tasche greifen. Die Eltern der Studentin und Unfallverursacherin? Jein! Zwar sabbelten die meinen Cousin mit Halbwahrheiten einen Knopf an die Backe und famulierten dabei, dass sie den entstandenen Schaden selbstverständlich ersetzen würden, doch trotzt mehrfacher Erinnerung an diese Zusage, kam dann doch kein Geld auf das leere Konto meines Cousins herüber.
Stattdessen erklärten die bösen Eltern aus Kiel ihm, ihre Tochter werde das Verlöbnis auflösen und sich von meinem Cousin trennen. Das war´s dann mit der ungleichen Partnerschaft und der gespielten harmonischen Zweisamkeit. Man(n) ging danach getrennter Wege. Mein Cousin probierte sich mit dem Medizinstudium in Bonn weiter aus, soff dabei noch mehr und wechselte einige Jahre später wieder an die Universität Kiel. Dort schloss er - bereits im zarten Alter von Ende Dressing - das Studium erfolgreich ab und wurde später freiberuflich arbeitender Arzt in Bückeburg, wo er seine Praxis in der dortigen Schulstraße unterhielt.
Was aus seiner Kieler Sprotte, der damaligen Verlobten wurde, weiß ich nicht. Von dieser Dame erzählte meine Tante mir nichts mehr. Sie galt als nicht existent. Das Geld - immerhin mehrere Zehntausend DM - hat mein Cousin ebenfalls nie wieder gesehen.
Merke also: Nicht überall wo Geld drauf stehen soll, ist auch welches drin!
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