Krebs besiegt?
Mit zunehmenden Alter sollte sich ein Mensch damit abfinden, dass der Körper nicht mehr so mitspielt, wie es noch Jahrzehnte davor der Fall war. Je nach individuellen Lebenswandel stellt sich im Laufe der Zeit nach der Geburt, dem Erwachsenwerden und weiteren, mehr oder weniger unausweichlichen Ereignissen, so manches Wehwehchen ein. Das sollte, wer überhaupt die statistische Lebenserwartung von 83,5 ( w ) / 78,9 ( m ) erreichen möchte, nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Jene körperliche Veränderung ist mit vorherigen Anzeichen verbunden. Werden diese nicht so ernst genommen, kann es irgendwann schon zu spät sein.
Als im letzten Jahr bei unserer Verwandten in Dresden ein Lungentumor diagnostiziert wurde, war die Aufregung groß. Meine bessere Hälfte telefonierte mit der Großtante beinahe an jeden Wochenende, doch genaue Angaben zu der festgestellten Erkrankung konnte diese nicht erteilen. Die Untersuchungen waren zudem noch nicht abgeschlossen. Im Herbst hatte sie dann Gewissheit: Es handelte sich um einen bösartigen ( aggressiven ) Tumor, der - noch Erbsen groß - nur sehr langsam wuchs.
Das Glück wollte es, dass ausgerechnet an der Universitätsklinik in Dresden eine Pharmaziestudie angelaufen war, innerhalb derer eine neuartige Therapieform getestet werden soll. Die Universität suchte hierzu noch Probanden jeden Alters.
So nahm die Verwandte das Angebot auf, sich an der Studie freiwillig zu beteiligen. In einer durchaus mit starken Nebenwirkungen behafteten Medikation sollte nun untersucht werden, wie das Mittel auf den vorhandenen Lungentumor anschlägt. Solche Therapien sind sehr kostspielig und werden nur selten vorgeschlagen.
Die Großtante quälte sich bis Ende Januar durch die Behandlung. Deren Ursache sie mutmaßlich wegen einer Jahrzehnte langen Berufstätigkeit in einem Labor der DDR hätte lokalisieren können. Dass sie einst an der Militärakademie in Dresden mit giftigen Kampfstoffen herum hantieren musste, ließ sie bei der ärztlichen Befragung nicht durchblicken. Es war ihr offensichtlich peinlich. Die Quittung für das Engagement ( mit freundlicher Unterstützung der Staatssicherheitsorgane ) bekam die mittlerweile 87jährige in Gestalt des Lungenkarzinoms präsentiert.
Sie ist allerdings nicht allein auf weiter Flur. Zehntausende verstarben nach der so genannten Wende an den Folgen des mange den Arbeitsschutzes für Hochrisikoberufe, wie beispielsweise im Uranabbau, in der Chemieindustrie oder bei der NVA durch dauerbelastende Bestrahlung. Aber auch die über Jahrzehnte extrem belastete Luft in vielen DDR - Regionen hinterließ Spuren. Die Krankheitsbilder sind mannigfaltig; die Morbiditätsraten dort sehr hoch. Jene Altlasten sind im Leben der ehemaligen DDRler immer noch präsent.
Am Montagnachmittag erhielt die Großtante aus Dresden die ärztlichen Befunde. Der Tumor ist durch die Therapie geschrumpft. Der Krebs indes aber noch nicht besiegt. Die Erkrankte wird im Mai 88 Jahre alt. Ob sie in der nicht altersgerechten Wohnung im 7. Stock eines Wohnhauses weiterhin bleiben kann, ist ungewiss. Immerhin hat sie über ihren Sohn einen Antrag auf Anerkennung eines Pflegegrades gestellt.
Altern ist oft nicht einfach!
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