Gefiederte Geschichten - Teil I


 

Vor einigen Tagen sammelte ich mal wieder diverse trockene Grashalme, Federn sowie kleine Zweigteilchen von unserer Terrasse. Sie stammten von den Nestern, die Spatzen unterhalb des Hausdaches angelegt haben. Beim Aufsammeln erinnerte ich mich an einige Erlebnisse mit verschiedenen Vogelarten, die zum Teil in Käfigen gehalten wurden.

Darunter war ein blau - rot gefiederter Wellensittich mit einem weißen Kragen, den unser Vater eines Tages samt Bauer von einem Nachbarn, bei dem er Schwarzarbeit versah, mitbrachte. Wir gaben ihn den Namen " Perterle " und nannten ihm in verniedlichender Form " Pitti ".

" Pitti " war sehr agil. Er bewegte sich auf der Schaukel, der Holzleiter und an den Käfigstäben ständig hin und her, zwitscherte dabei so laut, dass er selbst im Keller noch zu hören war. Besonders laut wurde der Sittich, wenn es an der Haustür klingelte und Fremde das Haus betraten.

Unsere Großmutter hatte ein besonders ausgeprägtes Verhältnis zu dem Wellensittich. Sie saß manchmal stunden lang vor dem Käfig, der auf einer Anrichte und brachte diesen deshalb sogar das Sprechen einiger Worte bei. Eines Tages gelangte es " Pitti " beim Säubern des Bauers herauszufliegen. Er flatterte laut zwitschernd durch die Küche, setzte sich auf die Schränke, den Lampenschirm oder die Gardinenstange, wo er dann seinen Kot hinterließ. Auch sonst war er nicht gerade pflegeleicht. Sein Käfig musste jede Woche sauber gemacht werden, das Futter sowie der Frischwasserspender wurden mindestens alle zwei bis drei Tage aufgefüllt. Die verkoteten Zeitungsseiten, die auf dem Käfigboden lagen sowie sämtliches Spielzeug mussten ebenfalls regelmäßig gesäubert werden. Wenn " Pitti " mauserte flogen die Federn ständig auf den Boden.

Unsere Mutter, die für die Haustierhaltung nicht viel übrig hatte, weil es eben zusätzliche Arbeit bedeutete, delegierte diese dann kurzerhand auf uns. " Käfig sauber machen ! ", hieß es dann am Wochenende.

" Pitti " lebte einige Jahre bei uns. Der Sittich wurde vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, ehe er eines Tages tot auf dem Käfigboden lag. Einen anderen Wellensittich durften wir nicht halten - zu viel Dreck und Arbeit. Schade!

Viele Jahre später lernte ich einen ehemaligen FOS - Mitschüler kennen, der für knapp ein Jahr sich mit einem BWL - Studium an der Fachhochschule in Bielefeld versuchte. In dieser Zeit lebte er mit seiner damaligen Freundin auf einem Resthof  in der Nähe von Minden. Das Paar besaß einst einen Nymphensittich, der in einem größeren Vogelbauer gehalten wurde. 

Der Vogel war doppelt so groß wie ein Wellensittich, womit das Tier auch entsprechend mehr Schmutz, Arbeit sowie Kosten verursachte. Zudem nervte er mit seinem durchdringend, schrillen, permanenten Gekrächze, das manchmal eine wiederkehrende Tonfolge annahm. Der Hausmitbewohner hatte natürlich auch einen Namen ( ich nenne ihn jetzt " Karlchen " ). 

Gut, Karlchen war - wie seine wesentlich kleineren Artverwandten, die Wellensittiche, sehr agil. Sobald der Tag anbrach, es draußen heller wurde, begann " Karlchen " mit seinem Nerv tötenden Gesang, der erst dann endete, wenn sein Bauer abgedunkelt wurde. Hierzu lagen gleich mehrere Decken in der Nähe seines Käfigs bereit.     

Das ständige Gekrächze lockte die auf dem Hof lebenden Katzen an. Obwohl die Zimmertür deshalb immer geschlossen bleiben musste, wurde " Karlchen " von einer der Hauskatzen erledigt. An einem warmen Sommertag hatte die Lebensgefährtin das Fenster des Wohnzimmers, in dem der Käfig auf einem Tisch stand, aufgeklappt gelassen. Dieses bemerkte wohl eine der Katzen. Der gelang es durch das Oberlicht des Fensters in den Raum zu gelangen, dort die Tür des Vogelbauers zu öffnen und den Nymphensittich heraus zu ziehen.

Als der Bekannte am Abend das Wohnzimmer betrat, wunderte er sich, dass aus dem Käfig kein Gekrächze kam. Beim näheren Hinsehen erkannte er dann, dass der Sittich sich nicht mehr im Vogelbauer befand, obwohl dieser verschlossen war. Kurz danach sah er, das geöffnete Oberlicht. Er vermutete zunächst, dass der Vogel von dort ins Freie gelangt sein konnte. Später schlossen seine Freundin und er dieses allerdings aus. Der Nymphensittich wurde nie wieder gesehen. 

Als ich ab Ende der 1980er Jahre in der Waterloostraße in der Bremer Neustadt eine Wohnung gemietet hatte, besuchte ich ab und zu einen Blumenladen, der sich an der Ecke der Sedanstraße zur Gastfeldstraße befand und von einer Frau mit dem Namen Gretchen Tietjen betrieben wurde; folglich " Gretchen´s Blumenladen " hieß. Gretchens Geschäft lief eher schlecht. Die gelernte Floristin aus einem Dorf in Ostfriesland hielt sich deshalb durch zusätzliche Arbeiten auf dem Friedhöfen in Bremen über Wasser. Zusätzlich erhielt sie einige finanzielle Zuwendungen von ihrem Freund, der ein Restaurant an der Neuenlanderstraße betrieb.

Eines Tages stand ein großer Vogelkäfig in dem Geschäft der Dame aus Ostfriesland. Gretchen hatte von einer älteren Kundin einen Graupapagei übernommen, den diese aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr versorgen konnte. Sie nannte den Papagei fortan " Ricco ". 

Der Vogel bekam zwar ausreichend Futter, doch das reichte ihm naturgegeben nicht. Der Graupapagei verlor nach und nach sein Gefieder. Was zunächst nach der Mauser aussah, entpuppte sich später als eine Verhaltensstörung. Der Vogel rupfte sich zusehends auch die Deckfedern nebst Kiel heraus. Er tat dieses solange, bis er wie ein Suppenhuhn aussah - nackt!

Die verzweifelte Halterin kontaktierte einen Tierarzt, der einen Parasitenbefall diagnostizierte und ein Medikament verschrieb. Das schlug jedoch nicht an. Der Papagei blieb weiterhin federlos. 

Als ich irgendwann das Geschäft der Floristin betrat und den Papagei in diesem bedauernswerten Zustand sah, befragte ich einen befreundeten Tierarzt, für den ich einige Forderungsangelegenheiten bearbeitete, und beschrieb ihm das Aussehen des Vogels. Der hatte sofort eine Antwort dafür parat:  Dem Papagei war es langweilig. Nach Geschäftsschluss, ab 18.00 Uhr, hockte er alleine in seinem Käfig. Erst gegen 8.00 Uhr schloss seine Halterin ihren Blumenladen wieder auf und um den Vogel herum wurde es lebendig.

Papageien sind gesellige Tier, die in Kolonien oder Gruppen leben. Eine Einzelhaltung führt deshalb unter Umständen zur Vereinsamung. Das Tier zeigt daraufhin abnormales Verhalten, wie das Herausziehen des Gefieders. 

Ich erklärte dieses auch der Halterin. Wir entschlossen uns, den Papagei samt Käfig bei mir in die Wohnung zu meinen beiden Amazonen zu stellen.

Monate später bedeckte ein Federflaum dessen Körper. Noch später hatte " Ricco " sein graues Gefieder zurückerhalten. Na, bitte, wer sagt denn, dass nur ein Tierarzt, der zudem keine Ahnung hatte, immer helfen kann?          

  

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