Gibt es eigentlich " Single.de " noch.


 


Als vor zirka 25 Jahren mich zum ersten Mal bei einer Partnerbörse anmeldete, konnte ich mir bei dieser Form der Suche nach dem anderen Geschlecht reinweg gar nichts vorstellen. Schon in den ersten Wochen änderte sich diese Unwissenheit in gravierender Weise. Ich lernte nicht nur die unterschiedlichen Funktionen für eine Kontaktaufnahme kennen, sondern nicht nur beiläufig auch jene menschlichen Unwägbarkeiten bei der Sich Zurschaustellung kennen. Dieses beginnt mit dem Präsentieren eines geschönten, wenn auch nicht vollständig manipulierten Fotos, geht alsdann nahtlos in die Angabe der eigenen Körpermaße, des Lebendgewichtes, des tatsächlichen Alters oder des Berufes über, die nicht selten von der Realität abweichen, über und setzt sich mit dem Absondern vielfach unzureichender Orthographiekenntnisse fort.

Okay, wenn sich nicht mehr ganz taufrische Menschen finden wollen, spielt vielfach die eigene Erwartungshaltung eine mit entscheidende Rolle. Diese kann dabei die übrigen Kriterien, wie Sympathie, Alter, Körperproportionen zurückdrängen.

Schon bald überlegte ich, ob ich mehr als die standardisierten Angaben zur Person preisgeben sollte. Ich verwarf diese Idee umgehend, denn in meiner damaligen Situation hätte es nur abschreckend gewirkt. Deshalb hielt ich mich zurück. 

Nach und nach erkannte ich aber auch, dass ein solches Portal eher der platten Unterhaltung, denn der Vermittlung eines Partners dient. Da wurden zumeist Belanglosigkeiten ausgetauscht. Bei den Standard - Nutzern sahen diese in Form der Frage " Wie geht es dir? " oder " Heute Abend ist es kalt. Ich friere. " sowie " Wie spät ist es? " ( diese Frage ereilte mich einige Male in diversen Diskotheken, die ich 3 Dekaden zuvor regelmäßig aufgesucht hatte ).

Nun, ja, diese " kostenlosen " Vermittlungsplattformen, Partnerbörsen, Dating Portale oder wie auch immer sie heißen mögen, haben für tiefschürfende Kommunikation keinen virtuellen Raum vorgesehen. Da können bestenfalls Plattitüden ausgetauscht werden, garniert mit Smileys oder vorgegebenen Icons. Dafür sorget bereits die maximale Anzahl von Buchstaben, Worten und Schriftzeichen, die ein nicht zahlendes Mitglied verwenden durfte ( darf ).

Für Premium - Nutzer war allerdings eine andersartige Möglichkeit des Sich Näherkommens vorgesehen. Hier konnten auch Fotos, Bilder oder Texte hochgeladen werden. Das hatte für die weiblichen Interessierten nicht selten fatale Folgen, denn diese erhielten  regelmäßig Nahaufnahmen des besten Stückes des hier an grabenden oder baggernden Mannes.       

So verschwendete ich einige Abende vor dem Monitor, um nach vielleicht ein bis zwei Stunden ( eine längere Zeitspanne vermied ich zumeist, um die anfallenden Verbindungskosten der Modem basierten Verbindung nicht ins uferlose zu treiben ), um nachdem Ausloggen die erhellende Erkenntnis zu erhalten, dass die bei " Single.de " registrierten Damen eher nicht meinen Vorstellungen entsprachen.

Nach einigen Wochen der erlebten Tristesse bei dem Umsonst - Portal veränderte ich mein Profil und offenbarte einige weitere Daten aus meinem Lebenslauf. Tatsächlich kontaktierte mich eine leicht jüngere Nutzerin aus Minden / Westfalen. Okay, dieser Wohnort lag zwar nicht direkt vor der Haustür, war aber unter noch zumutbaren Bedingungen für mich erreichbar.

Deshalb verabredete ich mich mit der Frau ohne Gesicht an einem Wochentag in einem Café´ in Minden. So fuhr ich mit meinem schon betagten Mazda 626 Kombi in Richtung der Stadt am Rande der Porta Westfalica, um auf dem dortigen Weserparkplatz meine Chaise abzustellen. Ich hatte allerdings nicht bedacht, dass es bis zur Innenstadt noch ein mindestens 10minütiger Fußweg ist. So kam ich leicht verspätet zu dem Treffpunkt, dem vorher vereinbarten Date.

Die Dame, sie hatte sich den Nickname " Die Suchende " zugelegt, wartete bereits und begrüßte mich freundlich. Da sie keine Bilder in ihr Profil eingestellt hatte, war mein Eindruck zunächst gar keiner. Eine unscheinbare, leicht übergewichtige, ebenfalls in die Jahre gekommene Dame saß mir gegenüber. Nach einem nicht all zu langen, eher belanglosen Gespräch, offenbarte sie mir zum Schluss, dass ihre Freundin mit der sie sich gemeinsam auf der Partnerbörse herumtrieb, von unserem Treffen nichts erzählen solle. Häh? Mir war damals nicht so ganz klar, was sie damit bezwecken wollte.

Gut, es blieb nicht bei dem einen Kontakt, denn wenige Tage danach erhielt ich eine Einladung zu einem weiteren unverbindlichen Treffen. Dieses Mal mit ihrer Freundin sowie einem weiteren " Single. de " - Nutzer, den die beiden Damen kontaktiert hatten.

Tja, so fuhr ich ein weiteres Mal in die Stadt an der Weser, um " Die Suchende " zu besuchen. Sie lebte zusammen mit ihren Mischlingshund eine kleinere Obergeschosswohnung am Rande Mindens. Die Einrichtung war eher überschaubar. Als Single überraschte mich das nicht unbedingt. Schließlich war ich nach der Scheidung genauso bescheiden gestellt. 

Die Freundin der Dame sah etwas besser aus, traf aber damit nicht meinen Geschmack. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nach meiner Bruchlandung in Sache Ehe und Familie temporär bindungsunfähig war. 

So blieb das weitere Treffen mit der Dame gleichfalls völlig unverbindlich. Das hatte sie denn auch so empfunden. Als ich ihr wenig später schrieb, dass ich ihren Hund als sehr zutraulich und gut erzogen bewertete, antwortete sie mir sinngemäß; Sie freue sich, dass mir wenigstens etwas gefallen habe,

Ihre Freundin hatte mit dem kahlköpfigen Bewerber von " Single.de " mehr Glück. Beide verleibten sich ineinander. Ob die frische Liebe auch weiterhin anhielt weiß ich nicht, denn diese Dame löschte ihr Profil schon bald. " Die Suchende " musste indes weiter suchen. Bilder von sich stellte sie dafür immer noch nicht ein.

Warum wohl?

Meine eigene, eher halbherzige Suche setzte ich sowohl bei " Single.de " als auch bei " Liebe.de " fort.

Nach wochenlangen, eher unverbindlichen Geplänkel mit unterschiedlichen Damen auf deren Seiten, geriet ich eher zufällig an eine durchaus attraktive Dame in meinem Alter ( 50 ), die mir schon bald weitere Fotos von sich zusandte. Sie wohnte damals in Wildau. Von diesem Ort, der in der Nähe ( Entfernung knapp 34 Kilometer )  der Millionenmetropole Berlin liegt, hatte ich zuvor nur am Rande etwas gehört. Die Stadt Königs Wusterhausen befindet sich ebenfalls im selben Landkreis Dahme - Spreewald. Und dort befand sich die Schadenabteilung einer Versicherung mit der ich als Anwalt irgendwann einige zu bearbeiten hatte. 

Somit gehörte der Ort zu einem brandenburgischen Landkreis, mit einer Postleitzahl, die wie die Bundeshauptstadt eine 1 mit sich führt. Zunächst sieht dieses unverfänglich aus, wenn es bei der Auswahl um das Kriterium Ost - Westdeutschland ginge. Dieses war allerdings schon damals für mich kein Grund, das Interesse an den sich zeigenden Damen nach der Postleitzahl einzuordnen. 

 Damit zählte ich jedoch zu einer Minorität, denn so mancher Portalnutzer aus Westdeutschland vertrat einst die Auffassung, dass eine ihm eher unbekannte Postleitzahl bei der Kontaktaufnahme nicht in Betracht käme. Dieses erlebte meine bessere Hälfte vormals bei einem Besuch auf einer konkurrierenden Plattform. Dort schrieb ein sich gleichförmig präsentierender Westdeutscher, der sich lässig vor seinem blank gewienerten sportlich akzentuierten PKW in Bermudashorts und T - Shirt, Sandalen mit hoch gezogenen weißen Socken zeigend, ihr kackfrech: " Diese Postleitzahl kommt für mich nicht in Betracht ". Er erhielt von ihr die Antwort: " Eine solche Intelligenz für mich aber auch nicht. ".

Rumms, das hatte gesessen!

Wie dem auch immer gewesen sei, der Unterhaltungswert auf jenen Kontaktbörsen konnte durchaus als hoch eingestuft werden.

Dass so manche Dame mit anderen Erwartungen als ein suchender Herr auf die Suche ging, dürfte demgemäß so klar wie Kloßbrühe sein.  Warum auch immer jenes versteckte Abenteuer in einem Desaster endete, es lag häufig eben an jenen sehr unterschiedlichen Erwartungen. Diese hegte ich damals nicht, denn ich hatte tatsächlich keine feststehende Ziele. Nach der Scheidung war es eben eher die Suche nach einem erhofften, niveauvollen Austausch mit etwa Gleichaltrigen. Ob sich dabei mehr als dieses entwickeln könnte, ließ ich einst auf mich zukommen.

Das traf auch auf die Dame aus Wildau im brandenburgischen Landkreis Dahme - Spreewald zu. Umso überraschter war ich, als sie mir über den so genannten Messager, der ja nur für als Freunde gekennzeichnete Nutzer einlesbar war, schrieb. Sie berichtete mir darin, dass sie einem bestimmten Werktag beruflich in Bremen sei und fragte an, ob wir uns nicht am dortigen Hauptbahnhof treffen könnten. Dazu sandte sie mir ihre Mailadresse. 

Ich antwortete ihr hierüber. Daraufhin sandte sie mir tatsächlich ein Foto von ihr, das ich in die allseits bekannten Rubrik " tageslichttauglich " einstufte un ihr sofort zusagte. Sie bat daraufhin von mir ebenfalls ein aktuelles Bild zu senden. Ich bemühte deshalb meine eigens hierfür zugelegte Web - Kamera von " Logitech ", die ich für knapp 30 Euro erworben hatte.

Kurz darauf schrieb die Wildauerin mir, wann und auf welchen Gleis sie am Bremer Hauptbahnhof ankommen würde.  

Am besagten Tag fuhr ich morgens in Richtung Bremen los und kam rechtzeitig in Bremen an. Tatsächlich traf ich die Brandenburgerin auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs. Wir tauschten einige Nettigkeiten aus, ehe sie sich von mir wieder verabschiedete. Auf der Rückfahrt wusste ich, dass eine weitere Beziehung zu der durchaus attraktiven Frau in und unter meinen damaligen Lebensbedingungen keine Zukunft haben würde. Ich blieb weiterhin bei " Single. de " angemeldet, machte mich aber dort ziemlich rar. Die Dame aus Wildau meldete sich irgendwann von " Single. de " ab, nachdem wir nur noch losen Kontakt pflegten.

Auch bei einer danach folgenden, in etwa gleichaltrigen Nutzerin aus Fürstenfeldbruck war die Konversation über die Partnerbörse eher unverbindlich. Bis sie mir später eine Emailadresse gab, unter der wir bald einige persönliche Dinge austauschten. Sie war - so wie ich - längst geschieden und auf der Suche nach einem soliden Lebensabschnittsgefährten, der nicht nur herum branste oder sich als Aufschneider entpuppte. Gefunden hatte sie bislang nichts passendes. Sie arbeitete bei einem Rechtsanwalt in München, der ihr anscheinend ein gutes Gehalt zahlte, denn ihre Wohnung war nicht so schlecht.

Später vereinbarten wir tatsächlich einen Besuch bei ihr. So machte ich mich mit meinem alten Mazda 626 Kombi, Diesel, weiß, auf den langen Weg in Richtung München. 

Als ehemaliger Großstädter war ich ja dichten Verkehr gewohnt, doch die bayrische Landeshauptstadt war noch eine andere Hausnummer. Nachdem ich über 640 Kilometer mit mehr als sieben Stunden Fahrtzeit hinter mich gebracht hatte, stand ich irgendwo in der Innenstadt der bayrischen Metropole und rief die Dame aus Fürstenfeldbruck an. Ich hatte mich glatt verfahren. Ohne Navigationsgerät lief schon damals nichts. Sie holte mich dann in ihrem Peugeot Sport Cabriolet ab. Die Strecke bis zu ihrer Wohnung war nochmal mehr als 20 Kilometer lang. Ich hätte sie nie gefunden.

Wir verbrachten ein Wochenende bei ihr. Ich merkte aber schon bald, dass mich jene, ebenfalls gleichaltrige Frau kaum aus der zweifelsohne vorliegenden Lebenskrise heraus hieven kann. Sie hatte selbst genug Probleme und versteckte diese genauso wie ich es versuchte. Nach einigen Wochen schrieben wir uns nicht mehr. Mein Interesse erlahmte vollends. In dieser Zeit versuchte ich das nach einer gescheiterten Ehe zusammengefallene Kartenhaus mühsam wieder aufzubauen. Die Dame aus dem Bayrischen geriet bald in Vergessenheit. Allerdings befand sich ihre Mailadresse noch einige Jahre lang in meiner " freenet " - Verteiler. Geschrieben habe ich ihr dennoch nicht mehr.

Die Monate vergingen. Es war mittlerweile längst wieder Spätsommer. In meinem Umfeld standen weitere Veränderungen an. Ich arbeitete eine Geldstrafe, die ich während meiner Tätigkeit als noch zugelassener Anwalt bei einem niedersächsischen Gericht kassiert hatte, in einem Bad Eilser Altenheim ab. Hierzu fuhr ich mit dem Fahrrad quer durch den verschlafenen Ort in Richtung Harrl. Hier befand sich die so genannte Senioren Residenz. Ein Neubau, der knapp 50 ältere und pflegebedürftige Menschen aufgenommen hatte, um diese zu versorgen und zu betreuen.

So vergingen weitere Wochen. Der Mailkontakt zu einer gleichaltrigen Frau aus Dresden, den ich davor aufgenommen hatte und der wegen eines Computerschadens für einen längeren Zeitraum unterbrochen war, funktionierte wieder. Wir schrieben uns einige Male, ehe sie mich auf einen Besuch einlud. Dresden? Gut, ja, gut, ich sach´ma; War mir mehr durch den Fußball bekannt. Allerdings nach der so genannten Wende ebenso durch die dortigen historischen Bauwerke.

Also machte ich mich auf einen weiteren weiten Weg in Richtung Südosten Deutschlands. Dass sich aus der zunächst nur losen Kommunikation nach und nach eine Liebe entwickeln könnte, hielt ich zunächst für eher unwahrscheinlich. Ich suchte auf meinem Profil eine " Elfe ". Diese Wesensbeschreibung wählte ich einst bewusst, um damit zu verhindern, dass sich 100 - Kilo - Brummer meldeten. Das mag arrogant herüber gekommen sein, doch eine andere, nicht direkt diskriminierende Form fiel mir damals nicht ein. Vielleicht war ich noch von der Schauspielerin Liv Tyler, die Arwen in der " Herr der Ringe " - Trilogie spielte angetan. Weil mir allerdings nichts besseres einfiel, verknüpfte ich dann die Schwärmereien für die US - Amerikanerin mit dem Pragmatischen und formulierte es dabei so:

" Welche Elfe begleitet mich in dem zweiten Lebensabschnitt? "

Aus der Kategorie der angeblich schönen Fabelwesen meldete sich allerdings keine Vertreterin, jedoch meine spätere bessere Hälfte und die schrieb mir dazu glatt: 

Wer einen Engel sucht und nur nach den Flügeln schaut, darf sich nicht wundern, wenn er eine dumme Gans nach Hause bringt"

Na, bitte, warum immer in die Ferne schweifen?

Als ich kürzlich früh morgens am Küchentisch saß, einen Pott Kaffee in der Hand hielt, dazu von einem Oldie - Sender aus dem Internetradio besäuselt wurde, erinnerte ich mich an jene nicht gerade einfache Zeit in meinem bisherigen Leben. Flugs stellte ich mir die Frage, ob e die Partner - oder Kontaktbörse " Single.de " noch gäbe.

Eine Sucheingabe bei Tante Google ergab wenig Überraschendes: Ja, sie lebt noch. Wenn auch in einer vollkommen anderen Aufmachung.



JETHRO TULL  -  Reason For Wating  -  Stand Up  -  1969:




    





 

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