" Wir wollen das Bad machen. Kannst Du helfen? "
Vor zehn Jahren verstarb meine Mutter im Alter von 84 Jahren. Wenn wir uns selbst so langsam in Richtung ihres Alters bewegen, werden dann und wann einige Ereignisse aus jener Zeit wieder wach, in der ich noch regelmäßigen Kontakt zu meinem Elternhaus unterhielt, obwohl ich längst verheiratet und selbst Vater war. Das Verhältnis war damals nicht ganz unbelastet. Was einige Gründe hatte. Unter anderen hatte ich nicht die richtige Frau geheiratet. Dieses, obwohl ich bis 37 ledig geblieben war. Womit das bekannte Sprichwort " Alter schützt nicht vor Torheit " vollends zutraf. Ein weiterer Grund war aber auch, dass mein Anwaltsberuf über eine lange Zeit nahezu nichts einbrachte. Außer ständige Scherereien im Zusammenhang mit dem Ärger anderer Leute sowie mit den viel zu vielen Berufskollegen blieb in jenen Jahren nicht viel übrig.
Es müssen wohl die ersten 1990er Jahre gewesen sein, als ich in den späten Nachmittagsstunden einen Anruf meiner Mutter in der Kanzlei durchgestellt bekam. Sie klang ein wenig bedrückt als sie mir erklärte, dass in dem Haus eines der zuvor vermieteten Zimmer als Bad umbauen möchten. In jenem Zimmer, was viele Jahre davor eine Zeit lang von meinem Bruder bewohnt worden war, befand sich seit 1976 auch ein Waschbecken mit einem Kalt - und Warmwasseranschluss. Nach dem Auszug meines Bruders Ende 1978 vermietete unsere Mutter dieses als Gästezimmer.
Damit war ab Mitte der 1980er Jahre vorbei, da die Kurgastzahlen in Bad Eilsen aufgrund der Veränderungen in der Rentenversicherungsgesetzgebung stark rückläufig waren. Dieser Raum stand somit über längere Zeit leer. Später konnte meine Mutter diesen noch regelmäßig an ausländische Monteure einer größeren Firma in Obernkirchen vermieten. Damit war jedoch ab 1994 auch Schluss.
Nun hatten meine Eltern genügend Geld angespart, um den Wunsch den Raum in ein Bad umzugestalten zu realisieren. So suchte meine Mutter im Frühjahr 1994 eine entsprechende Sanitäreinrichtungen in einem Fachbetrieb aus. Dieses jedoch ohne sich die Zustimmung meines Vaters einzuholen. Somit kam es, wie es in solchen Fällen nicht selten vorkam, es gab heftigen Streit. Es flogen - zwar nur verbal - die Fetzen, denn dieses Projekt war mit vielen Vorarbeiten verbunden.
Zunächst musste das Zimmer ausgeräumt werden. Die Tapeten aus den 1970er Jahren waren abzureißen und die Fußbodendielen mussten entfernt werden. Summa summarum: Es war wieder einmal eine Art von " Schweine - Arbeit ". Und darauf hatte unser Vater keinen Bock. Er verweigerte die anstrengenden Vorarbeiten und verlangte, dass mein Bruder und ich diese erledigen sollten. So geriet der " General " der Familie unter Handlungsdruck. Was jetzt?
Deshalb rief die Badplanerin bei mir an und stellte kurz und knapp die Frage " Kannst Du helfen? ".
Nachdem ich über eine Gegenfrage das Wann der geplanten Aktion erfahren konnte, bemühte ich mich um eine Bahnfahrkarte von Bremen nach Bückeburg. An einem Samstagmorgen fuhr ich zum Bremer Hauptbahnhof. Von dort brachte mich eine Regional Express ( Regional Bahn ) nach Nienburg an der Weser, Von dort brachte mich ein weiterer " Milchkannen - Express " bis nach Minden. In der mir sehr gut bekannten Stadt an der Weser sowie dem Mittellandkanal musste ich noch einige Minuten warten bis ich in die Regionalbahn Richtung Hannover und erreichte mein Ziel Bückeburg nach zirka 10 Minuten. In Bückeburg erwartete mich dann das Auto unserer Mutter.
Ein kurzer Blick, verbunden mit einer eher unterkühlten Begrüßung, erbrachte bei mir die erhellende Erkenntnis, das der Haussegen schief hing. Tatschlich, ich hatte mich nicht getäuscht. Wir waren allein im Hau. Unser Vater hatte sich zu einem Nachbarn verabschiedet. Dort verdiente er zu seiner schmalen Rente sich durch Schwarzarbeit regelmäßig etwas dazu. Von meinem Bruder, der ebenfalls helfen sollte, war nichts zu sehen.
Nach einer Tasse Kaffee zog ich mich um, ging in den oberen Raum, der vormals von meinem Bruder bewohnt worden war und nach dessen Auszug als Fremdenzimmer " Nummer Eins " gut 1 1/2 Jahrzehnte zur Goldgrube mutierte. Hieraus sollte nunmehr ein feudales Bad mit italienischen Designermöbeln einbaut werden. Zuvor aber musste der solide, in den 1950er Jahren verlegte Holzfußboden herausgenommen werden. Eine Schweinearbeit!
Ich zog mir Arbeitshandschuhe an, nahm ein Brecheisen, einen so genannten Kuhfuß in die rechte hand und legte damit los. Die von einem Tischler verlegten Fichtenbretter, die mit einem Bodenschutzanstrich versehen waren, sie hatten es in sich. Weil diese mehrfach genagelt waren, kam ich nur mühsam voran und schwitzte dabei wie ein Ochse. Die Stunden vergingen. Gegen Mittag erschien mein Bruder, der den Rest der Familie zu seinen Schwiegereltern nach Bückeburg verfrachtet hatte und ließ sich kurz blicken. Er verabschiedete sich nach knapp einer Stunde wieder. Der im Garten stehende Container war zur Hälfte mit Holz gefüllt, als ich die letzten Reste des Fußbodens heraus gebrochen hatte.
Nach dem Mittagessen saß ich noch eine Weile am Küchentisch und hörte mir die ambitionierten Umbaupläne unserer Mutter an. Das hörte sich nach noch mehr Arbeit an. Es mussten die Anschlüsse für die Dusche, die Badewanne, das Doppelwaschbecken sowie die Toilette verlegt werden. Na denn - ohne mich. Ich ging wieder hoch und riss die Tapete von den Wänden. Das war es dann mit einem Arbeitseinsatz.
Nach einer Übernachtung fuhr mich unsere Mutter gegen 10.00 Uhr wieder zum Bückeburger Bahnhof von dort fuhr ich dieses Mal nach Hannover und nahm einen Regionalexpress in Richtung Bremen. Von dort aus brachte mich eine Regionalbahn nach Delmenhorst - Heidkrug. Das Abenteuer Hilfsarbeiten zur Badsanierung war für mich beendet. Es brachte für die Erkenntnis, dass eine Ehe immer zwei Seiten hat. Die eine bleibt in den dunkleren Bereichen, die andere kann durchaus helle, erfreuliche Ereignisse mit sich bringen. Die Kunst der Ehepartner dürfte es somit sein, eine Balance zwischen beiden Extremen herzustellen. Es gelingt aber nicht immer. So, wie an jenem Wochenende im Frühjahr eines Jahres der 90er Dekade des letzten Jahrhunderts als mich ein Anruf ereilte, in der die Frage unserer Mutter schlicht und ergreifend lautete: " Wir wollen das Bad machen. Kannst Du helfen? "-
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