Dienstag, 21. November 2017

Baltrum ohne Geld?



Auf der kleinsten, der sieben Ostfriesischen Inseln, auf Baltrum, proben die 610 Einwohner den Aufstand. Mit Pappplakaten, einem beschriebenen, ausgemusterten Bettlaken und genügend Manpower, standen die Insulaner bei regnerischem Novemberwetter vor der Filiale der Sparkasse. Diese ist - noch - dem Sparkassenverband Aurich - Norden angegliedert.

Hier wurde vor nicht allzu langer Zeit entschieden, dass die Filiale zum 1. Dezember ihre Türen für immer schließen soll.

  https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Baltrum-Sparkasse-schliesst-am-1-Dezember,hallonds41478.html

Die Insulaner könnten zwar zu der örtlichen Filiale der Raiffeisen - Volksbank - Fresenea e.G., die im Haus Nr. 311 im Westdorf ansässig ist, doch die Baltrumer sind Ostfriesen und Ostfriesen können sehr stur sein. Die Sparkassen - Filiale im Haus 151 im Westdorf befindet sich in einem typischen Backsteinhaus. Die roten Klinker, aus denen die meisten der Gebäude auf der, nur 6, 5 Km² großen Insel, errichtete worden sind, leuchten in einem satten Farbton. Selbst dann noch, wenn ab Ende Oktober bis in den März hinein, das übliche Schietwetter die Tage trüb und grau macht.

Genauso ist die Stimmung der von der Bankschließung betroffenen Insulaner. Doch, wehe, wenn die Obrigkeit auf dem Festland gegen die Baltrumer regiert. Wenn die Inselbewohner sich schlecht behandelt fühlen. Oder, wenn es, wie hier um das liebe Geld geht. Dann werden die gemütlich - friedlichen Ostfriesen zu wilden Berserkern. Dann halten keine Deiche, keine Dämme mehr.

Nun muss aber dennoch die Sparkassen - Filiale endgültig schließen. Sie sei nicht kostendeckend. Sie würde somit defizitär geführt werden. Sie sei auch - vielleicht - nicht mehr zeitgemäß.

Wer bringt schon in der Ära der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten sein Geld noch abends zur Bank? Wer führt noch ein Sparbuch, für das es seit vielen Jahren keine oder kaum noch Zinsen gibt? Wer holt sich von einer Bankfiliale noch Wechselgeld?
Nein, diese antiquierten Kundenwünsche und alten Verhaltensweisen im tagtäglichen Zahlungsverkehr, sie sind nicht mehr gefragt. Der Sparkassenverband im fernen Aurich, er setzt nur noch auf Modernität. Bargeld ist dabei mega out. Da können die Baltrumer machen, was sie wollen. Ihre Argumente sind so, als würde eine seichte Brise über das 610 Einwohner zählende Dorf wehen und ihre Argumente sanft über das große Meer entfleuchen.

Tja, bald ist auch auf Baltrum Weihnachten.
Vielleicht sollte sich der Inselmarkt und andere Gewerbetreibende eine Cashpool - Anbindung wünschen, damit es mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr irgendwie weiter geht. Oder einen Leasingvertrag über eine hoch moderte elektronische Kasse, in der dann Prepaid - Karten nutzbar sind, die zuvor - natürlich vorher bargeldlos erworben - von den Kunden zu erwerben sind.

Doch der Ostfriese ist ein stringent denkender Mensch. Er vertraut diesem elektronischen Schnickschnack nicht. Nur Bares ist Wahres. Und Bares ist stofflich. Es fühlt sich in den Fingern wie ein Schlüssel an, der die Tür zu einem eher bescheidenen Leben im überschaubaren Wohlstand der übersichtlichen Insel garantiert.

Warum ein Wechsel zu der örtlichen Volksbank nicht in Frage kommt? Nun, da müsste jeder Sparkassenkunde nun einen Genossenschaftsanteil von einen sehr geringen Betrag erwerben. Aber, Genosse wollen die jetzigen Sparkassenkunden wohl nicht sein. Das hört sich nach Sozialisierung an. Das riecht nach Kommunismus. Für solche Experimente ist der Baltrumer nun überhaupt nicht zu haben.

Mein und Dein muss er immer noch unterscheiden können. Und unser, als Gemeinschaftsgut, gibt es nur, wenn er davon einen effektiven Nutzen zieht. So, wie beim Inselmarkt, den alle Baltrumer gemeinsam führen. Sonst wäre der auch längst dicht. Und dann müssten die Insulaner außerhalb der Ferienzeiten auf dem fremden Festland, vielleicht im Neßmersiel oder noch fremdländischer, in Aurich und in Norden, einkaufen fahren. So ist der Inselmarkt auch das gesamte Jahr über geöffnet.

Das war auch vor 43 Jahren der Fall, als ich im Oktober 1974 eine Bekannte auf der Insel besuchte, die eben just bei jener Sparkasse arbeitete. Die Zeit war eine völlig andere. Damals war ein Konto bei der Bank etwas besonders; so auch ein Sparbuch. Bargeldzahlungen waren noch die Regel; Überweisungen und Daueraufträge eher die Ausnahmen. Die Filiale war nicht besonders eingerichtet. Neben dem Schalter befand sich ein mit Glas umbauter Arbeitsplatz eines Kassierers, der oder die manchmal allein den Schalter bedienen mussten. Der schlichte Innenausbau war mit hellem Mobiliar ausgestattet. Einen Bankautomaten gab es noch nicht.
Da auf Diskretion geachtet wurde, gab es eine Trennlinie vor dem Schalter.

Wer Bargeld benötigte, musste einen so genannten Auszahlungsschein ausfüllen. Wer Geld auf sein Sparbuch einzahlen wollte, füllte einen Einzahlungsschein aus. Diese Aufträge wurden dann von dem Sparkassenbeamten oder später Mitarbeiter per Hand bearbeitet.
Es war eben alles ein wenig beschaulich, persönlich und nicht so kompliziert.

Die Welt hat sich seitdem jedoch viele Tausend Mal um sich selbst gedreht. Die Sparkasse ist mit anderen Aufgabenfeldern beschäftigt, die mehr Profit versprechen. Bargeldzahlungen sind da eher lästig und deshalb unerwünscht. Deshalb wir für jeden Handschlag eine Gebühr berechnet.

Und, mal ganz ehrlich: Wer zahlt heute schon Geld ein? Bei der EZB - Politik muss das sofort ausgegeben werden, ehe darauf noch Negativzinsen fällig werden.
Nur auf Baltrum war das noch anders. Schade, dass jene Zeit endgültig vorbei zu sein scheint.
 

https://de.wikipedia.org/wiki/Baltrum

Früher war alles besser? Nö, aber dafür anders!


" Peanuts Gang " mit der " Chicago " - Adaption " I Don´t Want Your Money " - 1970:



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