Mittwoch, 11. Oktober 2017

Gedser - Tor zur Freiheit?




 Wenn auf der Halbinsel Fischland - Darß - Zingst es die Sicht über die davor liegende Ostsee zulässt, kann ein Strandbesucher hinter einem, einige Kilometer entfernt liegenden Windpark, einen hellen Landzipfel erkennen. dessen Fortsetzung durch den Horizont beendet wird.
Es handelt sich um den südöstlichen Abschluss der Insel Falster (   https://de.wikipedia.org/wiki/Falster ), der Gedser Odde ( https://de.wikipedia.org/wiki/Gedser_Odde ), die damit den südlichsten Teil Dänemarks darstellt.

In der Nähe liegt der 717 Einwohner zählende Ort Gedser, der von der mecklenburgischen Hansestadt Rostock regelmäßig, mehrmals täglich, durch eine Fährverbindung erreichbar ist. Nach der Zusammenführung der beiden deutschen Staaten und der Auflösung der UdSSR sowie des Warschauer Pakts, wurden mit der Zunahme des Massentourismus die Fährverbindungen erweitert, so dass heutzutage beinahe ein Shuttle - System entstanden ist. Im Zuge der touristischen Erschließung dieser dänischen Ostseeregion erfolgte ebenfalls eine umfangreiche, verkehrstechnische Anbindung Falsters an die Nachbarinsel Lolland.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gedser

Von degenerativ, paradiesischen Bedingungen in Bezug auf die systematische Erschließung dieser dänischen Urlaubsregion, hätten die einstigen DDR - Bürger nur zu träumen gewagt. In der Blütezeit des Kalten Krieges, so ab den frühen 1960er Jahren, begann die großflächige Einknastung jener, mehr als 16 Millionen Deutschen, die - so die damalige Selbsteinschätzung - auf der falschen Seite der Mauer und mehr, also auf der nicht konsensorientierten Lebensseite, geboren wurden.
Weil der Urmensch angeblich nur Jäger und Sammler, aber nicht Krieger, gewesen sein soll, beriefen sich einige der Menschen, den der real existierende Sozialismus die eigenen Vorzüge mit Zwang aufoktroyieren wollte, auf die Freiheit und versuchten diese über nahezu abenteuerliche Weise zu erlangen.

Eine Gelegenheit dazu bot eben eine Querung der Ostsee in Richtung dänische Insel Falster. Dabei waren dem Idee - und Erfinderreichtum der DDRler kaum Grenzen gesetzt. Um die Flucht in den vermeintlich Goldenen Westen zu bewerkstelligen, bedienten sich Menschen schwimmender, tauchender und fliegender Utensilien und Hilfsmittel. Das mit knapp 44 Kilometer Luftlinie entfernte Zipfelchen der Insel Falster war eben nur zu oft sichtbar, wenn der DDR - Bürger einen der heiß begehrten, aber auch raren Platz auf dem Darß erhielt.

Wenn im Sommer, der Hauptreisezeit aller Europäer, die Tage zwar länger sind, eine Gelegenheit zur Flucht über diesen Ostseeteil damit günstiger zu sein schien, verhängte das zuständige Ministerium in Ost - Berlin einfach ein Aufenthaltsverbot für Strandabschnitte ab Einbruch der Dunkelheit. Urlauber mussten damit rechnen, dass sie jeder Zeit in die Fänge der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten gerieten, dabei ihre Ausweise auszuhändigen hatten und sich bohrenden Fragen zu dem Zweck ihres Strand nahen Aufenthalts zu stellen hatten.
Zudem wurde das Meer ab dem Strandbereichen systematisch mit leistungsstarken Suchscheinwerfer ausgeleuchtet. Diese waren auf Wachtürmen montiert und wurden von den dort eingesetzten, bewaffneten und mit Feldstechern bewehrten Grenzsoldaten bedient. Während der Sommermonate wurde von 20.00 Uhr bis 06.00 Uhr eine Ausgangssperre verhängt.

Urlaub sieht eigentlich anders aus.

Doch trotzt dieser festungsartigen Sicherungs - und Überwachungsanlagen, gelang es DDRlern über das Wasser in die Freiheit zu gelangen, diese begann außerhalb der dortigen, international vereinbarten 12 - Seemeilen - Zone ( = 22.224 Kilometer ).

Bis dahin galt für die Flüchtenden, dass bei deren Entdeckung rigoros von den Schusswaffen Gebrauch gemacht wurde und - im Einzelfall - auch mit Maschinenkanonen, die sich auf den Schnellbooten befanden, auf Schlauchboote geschossen wurde.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520600.html

Am 19. September 1982 stimmt endlich alles: Kein Wind, das Wasser ist noch warm, dichter Nebel hängt über der Ostsee. Noch im Dunkeln bauen Michael W. und sein Bandkumpel Rainer ihr Paddelboot im Küstenwald östlich von Graal-Müritz zusammen. Kurz nach 5 Uhr starten sie. 50 Kilometer Paddeln ohne Stopp. Immer gen Nordwesten. Gegen Mittag kommt Land in Sicht. Wenig später stolpern sie an Land, gehen über eine Treppe die Steilküste hinauf. Ein Militärgebäude wird sichtbar und ein freundlicher dänischer Soldat holt die beiden hinein. Sie duschen, werden verpflegt und zur Fähre nach Travemünde gebracht. 35 Jahre später wird genau in diesem mittlerweile ehemaligen Militärobjekt die Ausstellung der BStU Außenstelle Rostock "Flucht über die Ostsee" eröffnet. Die Dänen haben Michael W. eingeladen. "

 - Zitatende - aus:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/DDR-Flucht-Im-Paddelboot-ueber-die-Ostsee,nordmagazin42998.html

In einem anderen Artikel wird - mittels plattitüdenhafter Formulierungen - ein Situationsbericht aus jener Zeit von 1961 an bis zur Auflösung der DDR und dem Abbau der Grenzanlagen von jener Fluchtmöglichkeit berichtet:


https://www.goethe.de/ins/dk/de/kul/mag/20654637.html


Schließlich lässt sich auch die exakte Zahl der Fluchtversuche über das Wasser nicht beziffern:

" Wie viele Flüchtlinge genau von diesem Strand aus ihr Glück versucht haben, ist bis heute unbekannt. Schätzungen, wie sie etwa in einer in Schwerin und Lübeck 2001 präsentierten Ausstellung zugrunde gelegt wurden, gingen von 5.336 Fluchtversuchen zwischen 1961 und 1989 aus, nur 913 Bürgern gelang schließlich die Flucht über die im Spätsommer und Herbst hinreichend warme Ostsee. Doch viele haben ihr Leben verloren oder wurden von den Grenztruppen gestellt. Nach Unterlagen der "Erfassungsstelle Salzgitter" kamen bei der Flucht über die Ostsee wohl mindestens 189 Menschen ums Leben. "

 - Zitatende - aus:

http://www.mdr.de/damals/archiv/artikel88284.html


Während ich an einem der klaren Spätsommertage bei einem Strandspaziergang die Spargel ähnlichen Aufbauten des Offshore - Parks erkennen konnte, blinzelte auch der Bereich der Insel Falster am Horizont zu mir herüber. Da drüben also, da lag einst die Freiheit? Hmh, irgendwie kam mir dieser Gedanke an die Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR, die ihr Leben, ihre Gesundheit und die Zukunft ihrer zurückbleibenden Familienangehörigen aufs Spiel setzen, um aus dem - unstrittigen - Zwangsstaat DDR herauszukommen, surreal vor. War das wirklich so?
Es muss schon eine halbe Ewigkeit lang so gewesen sein, dass ich als gebürtiger Niedersachse nur den anderen Teil der Ostsee kannte. Und heute? Haben wir viele Dinge vergessen und teilweise die Humanität in die Ostsee gekübelt?

Gedser, das Tor an dem einige DDR - Bürger klopften, um frei zu sein. Ein Tor zur Freiheit?

Janis - " Me And Bobby McGhee " - 1970:





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