Mittwoch, 25. Oktober 2017

Stare


Nach dem heutigen Fensterputz setzte ich mich an den Küchentisch und ließ aus unserer " Jura " einen Pott Kaffee brühen. Ich war mit dem bisherigen Ergebnis meiner vor - adventlichen  Teil - Säuberungsaktion zufrieden. Deshalb setzte ich mich auf einen der " IKEA " - Stühle, trank meinen Kaffee und beobachtete, wie eine Schar Stare ihre Kreise über die Nachbarhäuser und die dortigen Gärten zog. Dann ließen sie sich auf unseren Pflaumenbaum nieder und warteten. Nur, worauf?

Kaum hatte ich auf den Stuhl gesetzt, starteten die gefiederten Freunde einen Frontalangriff. Wie auf Kommando flog das Geschwader auf den am Haus hoch rankenden Wilden Wein zu und setzte sich dort in den Blättern und Rispen fest. Die Vögel pickten sofort die reifen, bläulich schimmernden Trauben ab. In einer Geschwindigkeit, die selbst den Arbeitskollegen meiner besseren Hälfte, der beim Mittagessen die dort kredenzten Speiseberge im ICE - Tempo herunter schlingt, vor Neid erblassen lassen würde.

Nach weniger als einer halben Minute war der erste Akt der Fressorgie beendet. Die Meute stieg in den wolkenlosen Herbsthimmel auf und schwirrte aus meinem Sichtfeld fort.

Als ich zum nächsten Abschnitt meiner Fensterputzaktion schritt, die Alu - Leiter bestiegen hatte und mit energischen Zügen das Fenster zum oberen Treppenhaus bearbeitete, sah ich unsere Besucher erneut über den Dächern der Häuser kreisen. Wieder stoben sie auseinander, um sich dann erneut in unserem Pflaumenbaum und den Obstbäumen der Nachbargrundstücke zu versammeln. Dann kam die zweite Attacke auf den Wilden Wein. Nach einer sehr kurzen Zeit stieg die Schar erneut auf und zog in Richtung Westen davon.

Stare sind nicht nur gesellige Vögel, sie sind auch sehr aufmerksam und registrieren selbst geringe Bewegungen innerhalb ihres ausgewählten Umfelds.
https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art)#Nahrungssuche

Die Bestände in Mittel - und Nordeuropa sind seit den 1960er Jahren rückläufig, weil der extensive Einsatz von Pestiziden und die technologiebasierte Landwirtschaft, die Lebensräume der Vögel stark beschränkt hat.

Einst bekämpften Winzer die gefräßigen Zugvögel mit allen Mitteln, denn wenn ein großer Vogelschwarm in ein Rebenfeld einfiel, blieb keine Traube mehr auf den Rispen. Nicht selten führte dieses Einfallen zum wirtschaftlichen Totalverlust. Das als ruinöse Verhalten der Stare gegenüber den Weinbauern ließ diese technische Abschreckungsarten zum Einsatz bringen. Mit elektronisch - programmierten Schussanlagen, die an den Weinbergen installiert waren, versuchten die gebeutelten Winzer der Staren - Plage Herr zu werden.

Als ich vor vielen Jahren an der Mosel bei Bernkastel - Kues einen Kurzurlaub verbrachte, bemerkte ich bei der Besichtigung der dortigen Weinberge, dass es überall und nirgends in unregelmäßigen Abständen laut knallte. Dann flogen plötzlich Vogelschwärme auf und verließen das Areal so schnell, wie sie gekommen waren.

Inzwischen werden Schutznetze über die Weinberge gezogen, die verhindern, dass die Stare dort einfallen können. Die Anschaffung dieser Netze ist kostspielig. Doch bevor eine ganze Ernte dem Vogelfraß zum Opfer fällt, verschuldet sich der Weinbauer lieber und zahlt diese Schutznetze mit den Verkaufserlösen später ab.

Stare mögen aber nicht nur Weintrauben. Nein, sie fallen auch in Kirschbaumplantagen ein. Denn auch diese, ab Juni bis August reifende Köstlichkeit, schmeckt ihnen - von der Natur aus vorgegeben - auch. Was so eine Armada Obst vertilgender Flieger an unangenehmen Begleiterscheinungen dabei verursachen kann, musste ich an einem frühen Sonntagmorgen im Juli des Jahres 1982 erleben. Ich hatte bereits Semesterferien und malochte zum letzten Mal für 8 Wochen in der Glasfabrik H. Heye in Obernkirchen. Die wenige Freizeit nutzte ich, um ab und zu mit meinem Schwager zum Angeln zu fahren.

Es war ein solcher Sonntagmorgen, als wir friedlich am Ufer eines Baggersees saßen und darauf warteten, dass sich irgendein Fisch am Haken verirrte. Es tat sich jedoch nichts. Die Angel sprechen von " Still ruht der See. " Doch ganz so still wurde es dann doch nicht. Es war längst Aufstehzeit, als von einem in der Nähe gelegenen Haus plötzlich der NDW - Hit " Sommersprossen " von  " UKW " über das Wasser schepperte. Ein wild gewordener, Schaumburger  Jungspunt hatte seine Stereoanlage bis zum Anschlag aufgerissen und beschallte uns mit NDW - Müll. Aber, nicht nur das. Durch den unerträglichen Lärm wurde eine riesige Schar Stare aus den dahinter liegenden Kirschplantagen aufgeschreckt. Die Vögel jagten nun in Richtung des Sees und ließen im Flug ihren Kot ab. Und zwar alle Stare gleichzeitig. Mein Schwager erkannte die heran nahende Gefahr sofort, denn bereits am Rande des fast gegenüber liegenden Ufers, waren die Einschläge auf der glatten Wasseroberfläche zu sehen. Es sah so aus, als würde ein plötzlicher Regenschauer auftreten. Geistesgegenwärtig rief mein Schwager. " Die scheißen! Schnell, unter den Schirm! ".

Binnen Sekunden suchen wir Schutz unter dem grünen Angelschirm. Dann prasselte es auf der imprägnierten Leinenplane als würden Hagelkörner aufschlagen. Laut zeternd überflog die Starenmeute, aus geschätzt, Tausend und mehr Vögeln, den Baggersee. Dann war es ruhig. Um unseren Platz herum lag überall Vogelkot.

Stare sind nun einmal gesellige Lebewesen. Sie erledigen alles in der riesigen Familie. So auch die Notdurft. Zuvor aber, müssen sie Nahrung zu sich genommen haben. Und dazu zähle auch die blauen Trauben des Wilden Wein an unserem Haus. Sie dürfen deshalb gerne wieder kommen. Denn der Starr ist zum Vogel des Jahres 2018 ernannt worden. Da helfen wir ihm doch dabei, das auch zu bleiben.






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