Mittwoch, 4. Oktober 2017

3. Oktober 2017: " Trotz alledem "?


Nun ist er auch Vergangenheit, der 3. Oktober 2017. Zum 27. Mal wurde dieser zum Feiertag erklärtes Datum nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten begangen. Die offizielle Veranstaltung zu dem " Einheitsfeiertag " fand dieses Mal in Mainz, der Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland - Pfalz statt, dass turnusmäßig den Vorsitz im Bundesrat inne hat.

Jenseits des dortigen, durch getakteten Ablaufs der " Einheitsfeier " wird es wohl viele Bundesdeutsche geben, die sich mehr oder minder in das Private zurückgezogen haben. Eher am Rande konnten diese dann über die Medienmeute erfahren, wer wann, wie und was in Mainz zum Besten gegeben hatte. Die Ödnis der Friede - Freude - Feierlichkeit steht damit im Kontrast zu den Bachmann - Pegida - Pöbelaufführungen vor einem Jahr in unserer Landeshauptstadt Dresden. Einer Minderheit erhielt dabei zu viel mediale Aufmerksamkeit, obwohl diese keine Argumente gegen die Politik zu bieten hatte.

In Mainz indes herrschte ein anderes Klima. Wohl auch deshalb, weil - so die veröffentlichten Angaben - zirka 7.000 ( ! ) Polizisten im Einsatz waren. So unterschiedlich wie der Ablauf jener Veranstaltungen in Dresden und Mainz, so divergierend scheint auch die überwiegende Gemütslage in Ost und West zu sein?

Als Interessierter sehe ich mir auch die Kommentare zu diversen Artikeln auf den Internetseiten des MDR oder NDR sowie einiger Printmedien an. Was dort von den Lesern der eingestellten Beiträge an Meinungen veröffentlicht wurde, hat zwar keine Allgemeingültigkeit, doch es zeigt, eine gewisse Tendenz innerhalb der Befindlichkeiten jener Menschen.

Es sind zum Teil jene einstigen DDR - Bürger, die nach dem so genannten Beitritt der DDR zu der BRD sich als " Wendeverlierer " sehen. Verlierer wohl auch deshalb, weil sie auf unterbrochene Erwerbsbiografien verweisen müssen. Damit verbunden sind sozialer Abstieg, eine Tätigkeit in prekären Berufsfeldern und der Verlust des eigenen Selbstvierwertgefühls. Hinzu kommen das Gefühl, von den Verantwortlichen unverstanden zu sein, ein gewisses Gefühl der Hilflosigkeit und oft Resignation.
Der Populismus nimmt jene spezifische Gefühls - und Lebenslage auf, um hierüber die eigenen Interessen umzusetzen und diese sich als abgehängt sehenden Bürger zu benutzen.

27 Jahre nach der ungleichen Wiedervereinigung, mit der Verschiedenheiten auch innerhalb der zusammengefügten beiden Staatsgebilden nivelliert werden sollten, steht für eine große Zahl von Ex - DDRlern fest, dass diese Aufgabe bislang nicht gelöst werden konnte. Die Mammutaufgabe der viel zitierten Deutschen Einheit, sie ist längst nicht bewältig. Neben den unisono bekannten Unterschieden, die aufgrund der sich ausschließenden Wirtschafts - und Gesellschaftssystemen, kommt längst ein Mentalitätswandel hinzu. Verknüpft werden damit immer noch nicht ausgeräumte Vorurteile, die sich oft mit dem sinkenden Bildungsgrad steigern.

Die Unzufriedenheit scheint mehr denn je - vornehmlich in den Beitrittsgebieten - anzuwachsen. Die Politik hat es leider nicht geschafft hier einen Dialog zu moderieren, denn sie kommuniziert nicht mit den sich von ihr abwendenden Bürgern, sondern delegiert nur noch.
Ein fataler Kreislauf von steigender Resignation, Wut und artikulierter Missachtung gegenüber der politischen Kaste, erzeugt ein Klima der nicht nur verbalen Gewalt, die sich in unzähligen Internetplattformen ihren Weg ebnet.

So wird es an der demnächst wieder gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel liegen, wie und vor allem ob sie diese Probleme angeht.
" Ich wüsste jetzt nicht, was wir hätten anders machen können. " ist der Ausdruck einer Hilflosigkeit und muss als Armutszeugnis gegenüber den vielen Kritikern der Merkel - Politik gewertet werden.

Allerdings kann sich die Bundeskanzlerin selbst beruhigen. Sie muss sich keine ernsthaften Sorgen darüber machen, ob es einen zweiten November 1989 geben könnte. Solange ihr, die das Sagen habenden Wirtschafts - Industrie - und Lobbyisten - Bosse, den berühmten Persilschein für ihre Politik geben, kann nichts passieren. Das war bereits vor mehr als 169 Jahren so, als die " März Revolution " von 1948 quasi im Sande verlief.

Vor mehr als 40 Jahren diskutierte ich damals in einer Wilhelmshavener Szene - Kneipe mit Gleichgesinnten über politische Veränderungen. Der in die BRD - Historie als " Deutscher Herbst " eingegangene Gewaltexzess war gerade einige Wochen her. Ein Kommilitone sagte während des Gesprächs sinngemäß: " Auch wenn die Linke mehr als 40 % Wählerstimmen auf sich vereinigen könnte, wird sie in diesem Staat nie ein Bein an Deck bekommen, solange in der Wirtschaft nur Konservative das Sagen haben und Konservative sie lenken. "

Wie wahr. Und auch auf die heutige Situation im vollen Umfang anwendbar.

Wie heißt es im 1848er Revolutionslied " Trotz alledem " so zutreffend?

Das war 'ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Wien, Berlin und alledem –
ein schnöder scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Hannes Wader schrieb den Text um:

Wir hofften in den Sechzigern
Trotz Pop und Spuk und alledem
Es würde nun den Bonner Herrn
Scharf eingeheizt, trotz alledem

Doch nun ist es kalt trotz alledem
Trotz SPD und alledem
Ein schnöder, scharfer Winterwind
Durchfröstelt uns trotz alledem

Auch Richter und Magnifizenz
Samt Polizei und alledem
Sie pfeifen auf die Existenz
Von Freiheit, Recht und alledem

Trotz alledem und alledem,
Trotz Grundgesetz und alledem
Drückt man uns mit Berufsverbot
Die Gurgel zu, trotz alledem

Doch hat der Staat sich nur blamiert
Vor aller Welt, trotz alledem
Und wenn die Presse Lügen schmiert
Das Fernseh'n schweigt, trotz alledem

Trotz Mißtraun, Angst und alledem
Es kommt dazu, trotz alledem
Dass sich die Furcht in Widerstand
Verwandeln wird trotz alledem!

40 Jahre danach bin ich guter Dinge, dass der AfD - Spuk genauso in der Versenkung verschwinden wird, wie er gekommen ist - trotz alledem!


" Falckenstein " - " Deutsche Einsamkeit " - 1979:



" Falckenenstein " Trotz alledem "







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