Freitag, 20. Oktober 2017

Homestory


Seit mehr als 4 Dekaden darf ich mich als treuer " SPIEGEL" - Leser rühmen. Ich habe dabei kaum ein Heft verpasst; es sei denn, ich hielt mich für begrenzte Zeit im Ausland auf. Dort, wo, wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika, der " SPIEGEL " dann statt einst 3,50 DM, satte 8 US $ gekostet hätte. Oder er wurde, so wie vor vielen Jahren in Norwegen, erst gar nicht angeboten. Es kam auch schon mal vor, dass er ausverkauft war oder nicht geliefert wurde und ich auf die Ausgabe verzichtet habe, weil ich keinen großen Aufwand betreiben wollte, um das Heft an einem anderen Kiosk zu kaufen.

Dieses aber waren allesamt besondere Umstände und Ausnahmen. Meistens gelang es mir, ihn zu erwerben, zu lesen und zeitweise sogar zu archivieren. Ehe ich dann umzog und alle Hefte zum Altpapiercontainer schleppen musste.

Als erfahrener " SPIEGEL " - Leser ist mir natürlich auch die Wandlung des Blatts von einem linksliberalen Presseorgan zu einem sehr breit gefächerten Nachrichtenmagazins mit politischen Inhalten bewusst geworden. Es spricht in diesem der Zeitgeist und der ist ein anderer als jener von vor mehr als 42 Jahren als ich die ersten Hefte für 2,50 DM gekauft habe. Auch der Schreibstil ist ein völlig anderer geworden. Grammatikfehler muss der Leser - im Gegensatz zu vielen andere Printmedien, dem nichtsnutzigen Online - Stuss vieler Krawall - Seiten und meinen Blogeinträgen - eher mit der Lupe suchen; wenngleich es hier und da doch so manchen, falschen Terminus gab, über den ich dann - vor allem als Rechtskundiger - die Nase rümpfte. 

Seit geraumer Zeit finden sich in den Ausgaben auch Artikel und Beiträge, die innerhalb des persönlichen Umfelds eine Menschen, einer Personengruppe oder eines " SPIEGEL " - Mitarbeiters einzuordnen sind. Es handelt sich dabei primär um so genannte Alltagsgeschichten. Um beschriebene Erlebnisse. Um Schicksale, die diese Personen zu erleiden gehabt haben. Um erlebten und gelebten Wahnsinn in einer irre gewordenen Welt.
Obwohl ich diese zwar auch - oft sogar gerne - lese, würde ich mir jetzt nicht sicher sein, ob die Geschichten ihren Platz in einem Nachrichtenmagazin haben müssen.

Wie dem auch sei, sie sind dort - in schöner Regelmäßigkeit abgedruckt - zu finden. Als besonders auffällig, weil sehr gut geschrieben, wären da die Beiträge von Alexander Osang, Nils Minkmar oder Elke Schmitter zu nennen. In ihnen wird jeweils eine sehr persönliche Note hinein gelegt. Was derartige Artikel nebst Verfasser dann eher sympathisch macht.

Eine solche Geschichte, wenn auch eher private Leidensgeschichte, findet sich in der " SPIEGEL " - Ausgabe 40 / 2017 auf S. 52 ff und wurde von dem - nicht unumstrittenen - Redakteur Jan Fleischhauer verfasst. Sie handelt von oder besser, sie behandelt dessen Ehescheidung. Nach seinen Angaben hatte sich seine Frau bereits vor 6 ( ! ) Jahren von ihm getrennt. Nun erfolgte der Scheidungstermin.
Er hat seinen Beitrag mit " Der Höllenritt " überschrieben. Hmh, durch die  Hölle gehen wohl eher Soldaten, wie jene, die für die großkotzigen US - Amerikaner auf den Reisfelder in Vietnam ihr junges Leben lassen mussten. Aber, egal, Fleischhauer ist durch die Hölle gegangen, so versucht er es zumindest in diesem " SPIEGEL " - Artikel zu suggerieren.

Er suchte wegen seelischer Probleme im Zusammenhang mit der Trennung, der späteren Ehescheidung und einem - wohl auch damit verbundenen - beruflichen Vakuum, einen Psychiater auf. Und zwar an seinem jetzigen Wohnsitz München. Seine Frau, so darf es der Leser erfahren, lebt inzwischen in Frankfurt am Main. Beides sind - bekanntermaßen - Metropolen, die wirtschaftlich boomen und damit exorbitant hohe Mieten, damit einhergehende Lebenshaltungskosten und einen hohen Anonymitätsgrad vorweisen. Für einen Getrenntlebenden keine sehr guten Voraussetzung, um einen - " lebenstechnisch " betrachtet - Neuanfang zu starten.

Auf satten vier Seiten lässt sich der " SPIEGEL " - Redakteur dann über die Folgen jener, von seiner Frau ausgehenden Trennung und der späteren - nicht immer zwangsläufigen - Ehescheidung aus. Neben dem Besuch bei einem Seelenklempner, der im flugs eine mittelschwere Depression attestierte, die üblichen Tranquilizer verpasste, erfuhr der jute Jan, wie es ist, wenn Mann unter den durchaus komplexen Folgen einer solchen Trennung leidet. Er nahm an Gewicht ab. Das ist ein Positivum, wenn Mann jenseits der Mitte Vierzig ist und - nicht nur aufgrund der Völlerei und Bewegungsarmut - jedes zusätzliche Jahr mit einem und mehr Kilogramm Gewichtszunahme büßen muss, Was zwar in der heutigen Zeit, in der bereits mehr als 40 % aller Schulkinder adipös sein sollen, nicht unbedingt eine Manko sein muss.

Fette, dickbäuchige Männer können auch sexy sein. Dann nämlich, wenn sie ein ebenso voluminöses Bankkonto vorzeigen , einen gesellschaftlich hoch anerkannten Beruf ausüben und sich dadurch in einem besseren sozialen Umfeld tummeln. So etwas lieben auch Frauen, weil der Versorgungsaspekt hier immer noch eine große Rolle spielt.

Das könnte bei " SPIEGEL " - Fleischhauer´s Verflossener eher nicht der Fall gewesen sein. Auch wenn er sich nicht über sein Ex - Gattin auslässt, was wohl eher dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass er keinen Zivilprozess an den Hals bekommen möchte, so spricht denn einiges dafür, dass es so sein könnte.
Nun, Frau trennte sich von Jan, er fällt in eine depressive Phase und überwindet diese nach angegeben sechs Jahren. Dazwischen quält er sich mit dem Selbststudium von Fachliteratur zu jenem Thema herum. Statt - wie es die meisten Kerle machen - zu Saufen, sich Gehen zu lassen und nichts mehr auf die berühmte Kette zu bekommen, studiert Jan F. Literatur zu den Auswirkungen der Trennung, die in der Tat mit Antriebslosigkeit, Essstörungen, Müdigkeit, verlangsamten Denken, Entscheidungsschwäche, dem Gefühl der Wertlosigkeit, Schlafproblemen und -  das kann auch damit einhergehen - sexuellem Desinteresse erkennbar werden können. Doch: Es gibt auch viele Knilche, die genau das Gegenteil von dem erlebt haben.

Hinzu kommen Panikattacken, Angstzustände und natürlich der soziale, gekoppelt mit dem finanziellen Sofortabstieg. Soweit, so schlecht - geschenkt!

Als Feld - Wald - und Wiesenanwalt konnte ich vor Jahren auch Familienrecht beackern. Damit auch Scheidungsverfahren. Es waren Billigheimer - Verfahren, in denen sich Nichtshabende mit ihresgleichen die Brocken um die Quadratschädel warfen. Gestützt von zwei Hunger leidenden Advokaten aus der Meute von mehr als 1.200 zugelassenen Schwarzkittelträgern, die sich damals  in Bremen - nur Stadtgemeinde - tummelten. Im etwas mehr als 85 Kilometer entfernten Bremerhaven waren es zwar deutlich weniger, doch bezogen auf die dort schrumpfende Bevölkerung, immer noch viel zu viele Rechtsanwälte.

Das Zauberwort in solchen " Aldi " - Scheidungsverfahren nennt sich Prozesskostenhilfe ( PKH ). Davor hieß es - wohl eher diskriminierend - Armenrecht. Kam so eine arme Kirchenmaus in das Büro, lag oft ein Bescheid über den Bezug - vielfach Dauerbezug - von Sozialhilfe ( seit der Schröder - Ära: HARTZ IV - auf meinem Schreibtisch. Den durfte dann meine Azubine kopieren. Ich füllte den Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe persönlich und handschriftlich aus, weil bereits die Mehrzahl meiner Klienten daran zu scheitern drohte. Es folgte zuvor ein handelsüblicher Vollmachtsvordruck, den der Ehescheidungsbegehrende oder davon Betroffene mir unterschrieb. Einige Paraphen genügten dabei - so die höchstrichterliche Rechtsprechung aus Karlsruhe - nicht. Ich wies den mittellosen Willi / die arme Heidi gleich daraufhin.

Alles danach Folgende ging seinen - nicht sozialistischen - sondern leider nur bürokratischen Gang. Ich sülzte den Scheidungsantrag oder die Replik auf einen solchen in mein " Philips " - Diktiergerät und lies den Sermon von meiner Azubine abtippen. Nach grober Durchsicht des von ihr / ihnen abgelieferten Schreibwerks, welches ich dann und wann handschriftlich korrigierte, wurden die mehrere Seiten umfassende Antragsschrift dreifach kopiert, dem Original der PKH - Antrag nebst Nachweisen ( Sozialhilfebescheid ) beigefügt und dann in zweifacher Abschrift an das Amtsgericht - Familiengericht - zugeleitet. Eine Kopie verblieb in der Handakte.

Dann wartete ich auf die Antwort des Gerichts. In der ständigen, oft mit einem flauen Bauchgefühl einhergehenden Hoffnung, der Familienrichter, die Richterin, möge gnädig sein, mir die existenziell notwendige Prozesskostenhilfe gewähren und mich dem Scheidungsopfer als Rechtsanwalt beiordnen. Geschah dieses - was in den einigen Hundert Verfahren die Regel war - hatte ich schon mal zirka 800 bis zu 1.000 Deutsche Mark in der Tasche. Die Büromiete war damit so gerade gedeckt.

Eigentlich dauern solche Verfahren nicht länger als ein Jahr. Die Subsumstionsmaschinerie Gericht benötigt dazu - aber nur bei einfach gelagerten Fällen - nicht länger. Waren Ehepaare länger als drei Jahre verheiratet, dauerte es auch dann mehr als nur ein Jahr; manchmal bis zu drei Jahren. Das sieht der Gesetzgeber so vor. Die Zwischenzeit indes, können die Parteien weidlich ausnutzen, um sich in - häufig schwachsinnigen - Grabenkämpfen zu verzetteln. Da wird sich um Kindes - und Ehegattenunterhalt gestritten. Es fliegen die Fetzen wegen des Umgangs - und Besuchsrechts sowie dessen Ausgestaltung ( Stichwort: Darf Papa die beiden Wonneproppen zu McDoof ausführen, wenn Mama grün - angehauchte Vegetarierin geworden ist oder sich den Fraß dort finanziell einfach nicht leisten kann? ). Einst gab es heftige Scharmützel um das Sorgerecht ( die meisten Gerichte tendierten dazu, dieses der Kindesmutter zu übertragen, was diese nicht davon abhielt, bei einem gleichlautenden Antrag des Vaters, diesen über ein überdrehte Zippe aus dem Dunstkreis der frustrierten und / oder  geschiedenen Anwältinnen, sich kollegialiter in einem Lügengebilde zu verstricken, dass den " Kindesmissbrauch " als Gipfel vorsah ).
Zudem mussten - sofern die Mandantschaft überhaupt je berufstätig und damit versicherungspflichtig war, die Rentenauskünfte bei den Landesversicherungsanstalten eingeholt werden.

Nur in wenigen Fällen waren noch der eheliche Güterstand, also eventuell der Zugewinnausgleich zu prüfen. Bei - regelmäßig - hoch belasteten Immobilien, gab es da für den / die Ausgleichsberichtige/n nüscht zu holen. Als I - Punkt war allerdings der eheliche Hausrat zu nennen. Hierunter fallen nicht nur Töpfe, Pfannen, Mixer, sondern auch das Mobiliar. Gab es deshalb  Zoff unter den Parteien, musste das Familiengericht unter Anwendung der Hausratsverordnung, die Klamotten aufteilen. Jeder Richter, der sich dieses Mumpitzes erwehren wollte und nicht noch einen Riesen - Aufwand betreiben konnte, weil ihm andere Verfahren wichtiger waren, der zog die beiden - anwaltlich vertretenen - Parteien zu sich hin und diktierte ihnen einen Vergleich in das Protokoll, der - bei näherem Hinsehen - den vollen Irrsinn, der hinter solchen Streitereien steht - auch nur ansatzweise erkennen ließ.

Einst schlug ein gehörnter Ehemann in meiner Kanzlei auf, der sich jenes Palavers durch einen nicht unerheblichen Aktionismus der noch Angetrauten entledigen durfte. Das fleischgewordene Biest hatte ihm - unter gütiger Zuhilfenahme ihres neuen Lovers - während seiner Abwesenheit aufgrund des Jobs als Montagearbeiter innerhalb eines jener Spargelbeete in der Nordsee, schlankweg die Bude ausgeräumt und auch dabei nicht vergessen, die hochpreisigen Abdeckungen der Steckdosen, die Glühbirnen nebst Lampen und die Gardinenstangen an sich zu nehmen. Bezahlt worden, so seine nieder schmetternden Angaben mir gegenüber, alle Dinge von ihm. Beweisen konnte er es nicht, weil die Rechnungen, Quittungen und Vertragsunterlagen allesamt auf den Namen der holden Fee, die er einst ehelichte, liefen.

Pech gehabt!

Ich könnte hierzu weitere, ähnliche Fälle beschreiben, in denen die menschliche Niedertracht abgrundtief sitzt und aus den Schriftsätzen der Damen und Herren Kollegen wieder hervor lugte.
Mal ganz ehrlich: Das ist das pralle Leben und nicht ein aufgesetztes Scheidungsproblem aus einem gut situierten bürgerlichen Umfeld. Fleischhauer ist in jener Zeit nicht arbeitslos geworden. Und ob seine Ex ihm Trennungs - oder Aufstockungsunterhalt abgeknapst hat und wenn ja, wie viel er an sie zahlen musste, interessiert doch keinen Leser.

Es ist zutreffend, dass bei einer Ehescheidung die psychische Situation der Beteiligten nicht gerade stabil sein dürfte. Da macht der Herr Fleischhauer keine Ausnahme. Im Gegensatz zu den Hunderttausenden, die seit der angegebene Trennung von der Frau an der der " SPIEGEL " - Mitarbeiter so sehr gehangen hat, durften diese sich nicht über vier Seiten in dem Nachrichtenmagazin ausheulen.

Da ich die " SPIEGEL " - Hefte seit dem Jahr 2011 allesamt gelesen habe, denn inzwischen abonniere ich das Magazin, sind mir die dümmlichen Beiträge des Herrn F. noch in guter Erinnerung. In der Rubrik " Der Schwarze Kanal " zog Fleischhauer regelmäßig über Linke, " Grüne " und Sozialdemokraten her. Da schien es dem " schwarzen " Jan dann doch nicht so schlecht gegangen zu sein, wie er in dem Heulsusen - Artikel schreibt.

Nun hat er den gesamten Gang nach Kanossa, um von einem Familiengericht den Ehescheidungsspruch um seine kleingeistige Figur geschlagen zu bekommen, offensichtlich mit einem " Happy End " beendet. Heraus gekommen ist dabei sogar ein Buch über jene dunkle Seite des Lebens, die da heißt: " Höllenritt ". Wer soll dieses Machwerk lesen? Wen interessiert ein Scheidungsfall von mehr als 163.000? Niemanden!

Die " Homestory " des Herrn Jan Fleischhauer ist nichts anderes, als eine . auf gutem intellektuellen Niveau -  inszenierte Selbstmitleid - Geschichte. Beim Lesen derselben habe ich auch gelitten. Allerdings nicht mit dem Autor, sondern mit seiner geschiedenen Frau. Wie hat sie es nur so viele Jahre mit diesem Banausen ausgehalten?


Frank Zappa & " Mothers Of Invention " : " Willy The Pimp " - 1969:















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