Montag, 8. Januar 2018

" Mensch, Meyer, wie sehen Sie denn aus? "


Heute Morgen las ich im aktuellen " SPIEGEL ", dass der im Osten unseres schönen Heimatlandes heftig gescholtene Bundesjustizminister Heiko Maas vielleicht bald keiner mehr sein könnte. Nicht, weil es ihm angelastet werden kann, dass er die Orwell´schen Fiktionen des totalen Überwachungstaats als Lebensrealität  weiter entwickelt, auch nicht, dass er für den Verlust von 9 ( Neun! ) Häftlingen im Berliner Knast Plötzensee verantwortlich sein muss und schon gar nicht, dass eine zeitbezogene statistische Erhebung zu dem Ergebnis kommt, dass die Jugendknäste sich über Insassenschwund beklagen. Nein, er hat mit all diesen erfreulich unerfreulichen Entwicklungen nichts zu tun, denn der Strafvollzug ist immer noch Ländersache. Nach dem Grundgesetz hat der Bund hier nur die Kompetenz, den gesetzlichen Rahmen ab zustecken.

Darunter fällt auch der Bau von Haftanstalten. Die Bundesländer sind aufgrund der damit entstehenden Kosten bemüht, die  Zahl der Anstalten möglichst gering zu halten, weshalb einige Knäste nach vielen Jahren wieder geschlossen wurden. Das trifft auch für die Haftanstalt in der niedersächsischen Stadt Bückeburg zu. Diese, im Jahr 1969 erbaut, wurde auf dem Höhepunkt der RAF - Hysterie in den 1970er Jahren für sehr viel Geld zu einem Hochsicherheitstrakt ausgebaut, weil hier auch Mitglieder der einstigen " Rote Armee Fraktion ( RAF ) " zeitweilig einsaßen.

Die Haftanstalt mit der postalischen Adresse Ahnser Straße 23, 31675 Bückeburg, sollte 2009 noch zur größten Jugendhaftanstalt Niedersachsens ausgebaut werden. Doch die Pläne wurden von der Landesregierung wegen drohender, ausufernder Sanierungskosten im mittleren, einstelligen Millionenbereich verworfen. Drei Jahre später beschloss die niedersächsische Landesregierung in Hannover die Einstellung des Betriebs.

Das Gelände und das hierauf stehende Gebäude mit 74 Plätzen, einer Küche sowie weiteren, diversen Versorgungs - sowie Sozialeinrichtungen gammelte seitdem vor sich hin. Die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt Hannover boten das Objekt für nur 175.000 Euro wie Sauerbier zum Verkauf an. Nun sollen sich - so ein Bericht der " Schaumburger Landeszeitung " aus 2016, Investoren für das Gelände gefunden haben ( http://www.szlz.de/startseite_artikel,-aus-der-alten-jva-wird-die-disco-zuchthaus-und-das-knasthotel-_arid,689029.html ).

Nun, ja, das, was der Außenstehende dazu lesen darf, hört sich ein wenig nach allgemeiner Volksbelustigung oder Umsetzung eines hohen Spassfaktors mit viel Geld , welches aus den Reihen der einstigen " Spassgeneration " zu kommen scheint, an. Immerhin könnten diese Pläne, sollten sie wahrhaftig in die Realität umgesetzt werden, einige Arbeitsplätze, eventuelle Steuereinnahmen und eine leichte Image - Verbesserung in dem eher dahin siechenden Städtchen im Schaumburger Land erbringen.

Die Arbeitsplätze wurden nämlich mit der Schließung der Haftanstalt 2012 allesamt abgebaut oder besser noch: ersatzlos gestrichen!

Der Bückeburger Knast hatte zu Vollzugszeiten bei den Insassen einen eher durchschnittlichen Ruf. In einem einsehbaren Netzportal lassen sich einstige Bewohner der 74 Appartements von einer Größe mit 8 m² denn eher kritisch über die dort mit erlebten Haftbedingungen aus:

https://www.knast.net/prison/jva_bückeburg

Gut, ja, gut, ich sach´ma´: Knast bleibt Knast und - da liege ich tendenziell auf AfD - Linie und spreche unseren Volksdeutschen so richtig aus der schwarz - braunen Seele: Strafe muss sein. Jedoch fällt diese - je nach Herkunft, der abgeurteilten Tat und der Ethnie - sehr unterschiedlich aus.

Das war auch in den 1990er Jahren schon so, als ich dann und wann als bestellter Pflichtverteidiger, meine Runden in den nordwestlichen Teilen dieses, unseres, Vaterlandes, mit der Deutsche Bahn abdrehte. Ich kenne die Knäste in Bremen - Oslebshausen, Blockland, in Hamburch " Santa Fu ", in Lübeck ( da habe ich dann vor Ort Marzipan gekauft ), in Lingen, Meppen, Vechta, Hameln, Hannover, Bremervörde, in Oldenburg, Verden ( Achim ) und Celle, aber auch in Bielefeld, Münster und Siegburg.

Aber Bückeburg´s Knast durfte ich nie besuchen. Es hatte sich damals einfach nicht ergeben. Selbst als ich mehrere Akten, die sich weitläufig mit Strafsachen aus dem Umfeld meines Geburtsortes befassten, zu führen hatte, war die JVA Bückeburg da nie ein Thema.

Dennoch kann ich mich an einen Fall erinnern, der mit dem Schaumburger Knast in Verbindung stand.

Als in den frühen 1990er Jahren die Blüm´schen Auswirkungen der " Gesundheitsreform " voll durchschlugen, führten diese zu einem erheblichen Strukturwandel in vielen Kur - und Badeorten. Die Kranken - und Rentenkassen durften jene Kuren für Arbeitnehmer nicht mehr so freigiebig gewähren. Es musste massiv gespart werden. Dieses geschah mit der Folge, dass in den oben genannten Orten die Einrichtungen kaum noch Gäste hatten. Auch die damit verbundene Vermietung von Fremdenzimmer nahm drastisch ab. So auch in dem Kurort Bad Eilsen.
Damit war ein Arbeitsplatzabbau verbunden. Ebenso schlossen viele Geschäfte und Gastronomieunternehmen. Durch die " Gesundheitsreform " erkrankte die lokale Wirtschaft in Bad Eilsen.

Jeder, der einst von dem LVA - Kurbetrieb gut partizipierte, musste nun sehen, wo er bleibt.

Eines Tages klingelte es an der Tür des elterlichen Hauses. Ein älterer Herr stand dort und fragte nach einem Zimmer. Er begehrte die Unterkunft für einen längeren Zeitraum, weil er angeblich geschäftlich in der Nähe zu tun habe. Da der Anfragende in seinem Anzug einen sehr adretten Eindruck machte, bekam er das Einzelzimmer. So weit, so unspektakulär.

Es vergingen einige Tage als es wiederum an der Haustür klingelte. Dieses Mal war es eine Nachbarin, sie machte einen aufgeregten, einen aufgekratzten Eindruck und stellte gleich die Frage: " Frau W. ich habe gehört, bei Ihnen wohnt ein älterer Mann. Heißt der zufällig W.? "
Er hieß " W. " und kaum hatte die besorgte Dame dieses in Erfahrung gebracht, schlug sie die Hände vor ihr Gesicht und bekundete in einem jammernden Ton: " Um Gottes Willen, Frau W. Werfen Sie den sofort wieder raus. Der hat bei uns noch Mietschulden! " Dann verabschiedete sie sich und ging von dannen.

Herr W. ( ich nenne ihn jetzt aufgrund des Schutzes seiner Person " Meyer " ) kam am Abend zurück. Kaum hatte er das Haus betreten, wurde er gleich nach dem Bezahlen der Miete gefragt. Meyer zahlte sofort - sogar einige Tage im Voraus. Meyer tat geschäftig. Er behauptete, er sei mit seiner Firma wegen eines Bauauftrags in Bad Eilsen unterwegs. Meyer trat dabei selbstbewusst auf. Wie es Geschäftsleute, wie es Männer von Format, wie es Unternehmer zu zeigen pflegen, wenn sie sich selbst darstellen möchten.

Die Tage im Frühjahr des 1990er - Jahres vergingen. Meyer lebte immer noch in seinem Zimmer. Er war tagsüber unterwegs und saß abends in seinem Raum, um Fernseh zu gucken. Meyer war somit völlig unauffällig. Er hatte sich sogar mit meinen Eltern etwas angefreundet. Sie nahmen ihm zwar den Geschäftsmann immer noch nicht ab, aber - solange er seine Miete zahlte - war das völlig schnurzpiepegal. Meyer machte auch Wochen, nachdem er das Zimmer bezogen hatte, einen adretten, einen grundsoliden, einen bürgerlichen Eindruck. So war er wohl auch bei einigen Unternehmen im Großraum Hannover aufgetreten.

Einige Zeit später, es war längst Frühsommer, zeigte sich auf einem Grundstück, das visavis des elterlichen Hauses in einem vormaligen Neubaugebiet aus den 1970er und 1980er Jahren liegt, hektische Betriebsamkeit. Es rückten dort ein Bagger und eine Raupe nebst Tieflader an. Dann trug die greifende Baumaschine den Mutterboden ab und häufte diesen am Grundstückrand an. Dieses dauerte mehrere Stunden. Die bewegten Erdmassen wurden dann von der Raupe wieder verteilt. Die Maschinen bediente Herr Meyer selbst. Diesen Ablauf sahen die Nachbarn über mehrere Tage, dann lud ein LKW mit Aufleger die Baufahrzeuge wieder auf.
Die Aktion war beendet, ohne dass die Nachbarschaft sich über den Sinn und Zweck jener Bautätigkeit im Klaren sein konnte.

Nach einigen Tagen lagen Rechnungen auf dem Tisch von Meyer´s Zimmer. Meyer hatte sie allesamt geöffnet, fein säuberlich gestapelt und dort liegen lassen. Zudem fand sich dort eine dicke Mappe. In dieser befanden sich unzählige Schreiben von verschiedenen Rechtsanwälten, von Gerichten und einem Bewährungshelfer aus Bückeburg. Adressiert waren diese auf " Ahnser Straße 23, 31675 Bückeburg.

Nun, meine Mutter wollte bei Meyer eigentlich nur das Zimmer sauber machen,, die Handtücher wechseln und ein wenig Durchlüften. Obwohl sie beinahe 60 Jahre in den Ort lebte, war ihr diese Adresse kein Begriff. Natürlich kannte sie das Dorf Ahnsen, dass schließlich zur Samtgemeinde Bad Eilsen gehört und durch das sie bis dato wohl mehrere Tausend Mal mit dem PKW durchgefahren war, aber wo die Ahnser Straße liegt, wusste sie partout nicht. Diese Straße war ihr völlig unbekannt.

Es dauerte einige Wochen, dann erschienen eines Morgens zwei Polizeibeamte an der Haustür. Sie erkundigten sich nach Meyer. Dann übergaben sie eine der üblichen Visitenkarten und baten, dass sich Meyer bei ihnen telefonisch melden möge. Meyer tat ihnen wohlweislich diesen Gefallen nicht , sondern ignorierte die Bitte.

Wenige Tage später bat meine Mutter Meyer zum Rapport. Nein, es ginge nun nicht mehr, dass Meyer hier wohne. Er möge sich bitte schön eine neuer Unterkunft suchen. Meyer bezahlte seine Miete, bat danach, ob er seine Post noch abholen dürfe, bedankte sich artig dafür, dass er bei meinen Eltern aufgenommen wurde und fuhr davon.

Einige Wochen später erschien Meyer nochmals bei meinen Eltern um die Post entgegen zu nehmen. Es waren einige Briefe, darunter auch von seinem Bewährungshelfer. Wahrscheinlich teilte er diesem mit, dass seine Bewährung widerrufen werden könne, weil inzwischen neue Strafverfahren gegen ihn eingeleitet worden waren.
Nun wusste meine Mutter auch, wo die Ahnser Straße 23 lag. Es war das Knastgelände, dort hatte sie Meyer ,viele Monate zuvor beim Vorbeifahren auf dem Hof gesehen. Er arbeitete dort auf dem Gelände. Meyer stach deshalb heraus, weil er mit Abstand der älteste Insasse war, der sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Gefängnishof aufhielt. Beim Befahren der Ahnser Straße, die als bekannte und beliebte Abkürzung zu dem Kreisel am Stadtrand Bückeburgs gilt, dachte sie so bei sich, was der alte Mann dort noch im Gefängnis zu suchen und was er wohl " verbrochen "  habe.

Nun wurde die Geschichte von Meyer auch schlüssig. Er war nach seiner Entlassung aus der JVA auf der Suche nach einer Unterkunft, wohnte zunächst u.a. bei der Nachbarin und musste das Haus dort - wahrscheinlich auch bei anderen Vermietern - wieder verlassen. Nun schlief er seit Tagen wieder in seinem Auto. Die Post kam - damit er nicht als ohne festen Wohnsitz galt - bei meinen Eltern an. Meyer sah verwahrlost, herunter gekommen aus. Er war unrasiert, stank wie ein Iltis und war abgemagert.
" Mensch, Meyer, wie sehen Sie denn aus? ", lautete deshalb die Frage.
Meyer begann zu weinen.
" Nun kommen Sie erst mal rein! ", befahl meine Mutter.
Aus Meyer sprudelte es heraus, als er am Küchentisch saß und eine Tasse Kaffee trank.

Nein, der Knast heilt keinen Deliquenten. Er bringt auch keinen Verurteilten wieder auf die richtige Bahn. Er schreckt auch keinen Gestrandeten aus unserer kalten Gesellschaft davor ab, sein deviantes Leben nach Entlassung ad hoc zu beenden.
Der Knast vermittelt nur ein trügerisches Gefühl, das Außenstehende erhalten sollen, weil Papa Staat sie vor sich selbst und vor der medial vermittelten Kriminalität schützen soll.
Meyer, war hierfür ein plastisches Beispiel. Er hatte in den letzten zwei Dekaden wegen diverser Verurteilungen durch verschiedene Gerichte, mehr Lebenszeit im Gefängnis als in Freiheit verbracht.

Da mag die braun - nationale AfD mit ihren Hetzern soviel trommeln wie sie will. Vielleicht nur deshalb, weil es auch in ihren Reihen Knastologen gibt, die es mit der Einhaltung von Gesetzen auch nicht immer genau genommen haben?


" Gravenhurst " - " Song From Under The Arches " - aus: " Fires In Distants Buildings " - 2005:






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