Dieter " Meise " B. aus Steinbergen
Nach mehr als einem halben Jahrhundert kann ich jetzt einige Ereignisse aus meiner Lehrzeit längst anders einordnen, als ich es einst, nämlich ab dem 1. April 1969, getan habe. Vieles sehe ich inzwischen eher gelassener, einige Dinge aber immer noch mehr als kritisch; vielfach sogar weiterhin ablehnend.
Dieses gilt vornehmlich auch für Freunde und Bekannte, die mich manchmal nur ein kleines Stück auf meinem Lebensweg begleitet haben. Zu den vielen Menschen, die für dabei nur einen bescheidenden Beitrag an meiner eigenen Persönlichkeitsbildung hatten, zählt ein etwa gleichaltriger, damals ebenfalls noch als Schüler, allerdings die Realschule in Rinteln besuchender Bekannter. Er hieß Dieter B. und wohnte im benachbarten Ort Steinbergen.
B. wuchs dort mit seiner jüngeren Schwester Rita auf. Ihre Eltern betrieben in Steinbergen ein Alten - und Pflegeheim und hatten demnach für beide Kinder wenig Zeit. Auch diese liefen - so wie Millionen andere mit ihnen in jenen Zeiten nach dem Krieg, eher so nebenher. Was gleichbedeutend mit einer Gefahr für das Abdriften in ungewollte Milieus war. Hierzu gehörte das Eintauchen in den Sumpf von illegalen Drogen sowie die oft darauf folgende Kriminalität.
Als ich Dieter B. nach einer Norwegenfahrt des CVJM in Bad Eilsen ab dem Sommer 1970 näher kennenlernte, hatte dieser die Realschule in Rinteln noch ein Jahr abzusitzen. In diesem Zeitraum trafen wir uns regelmäßig, um Musik zu hören. Einige Male trampten wir nach Hannover, wo wir einen Plattenladen aufsuchten, den Dieter B. ( er wurde auch " Meise " genannt ) von seinen Freunden her kannte.
" Meise " hörte bereits Musik, die mir noch eher fremd war. So kaufte er sich LPs von " Cream ", " Rory Gallagher " und einer Band aus Norwegen, die " Titanic " hieß. Woher er all die Namen kannte, verriet er mir nicht, sondern spielte mir stolz seine neuen Errungenschaften auf seinem " Dual " - Plattenspieler vor. Der stand in seinem Zimmer, das er im zweiten Stock des elterlichen Haus - und Betriebsgrundstückes bewohnte.
Nachdem " Meise " seinen Realabschluss in der Tasche hatte, sollte er ab dem 1. April 1971 bei einer Metallbaufirma in Rinteln eine Ausbildung beginnen. Die brach er vermutlich später ab, denn " Meise " war schon längst den illegalen Drogen verfallen.
Als ich ihn eher zufällig irgendwann im Sommer 1971 wieder traf sah er blässlich aus und machte auf mich einen abwesenden Eindruck. Zu den Feten im CVJM - Jugendheim in Bad Eilsen kam er schon längst nicht mehr. Seine Bekannten waren jetzt andere, nämlich solche, die er im Drogenmilieu traf. Ein ehemaliger Mitschüler mit dem Namen Wolfgang M. genannt " Mozart " zählte nun auch dazu.
Als ich ihn an meinem freien Arbeitstag in Steinbergen besuchte, war W. auch dort. Beide unterhielten sich in einer für mich eher kryptischen Sprache über Drogen. da war von " Fahrkarte " oder auch " Ticket ", " Acid Trip " ,von " Schillum " und " Afghane " oder " Pickel Shit " die Rede, aber auch " Ätsch ( H ) ", " Flash " und " Stoff " die Rede.
War das meine Welt? Nö!
Als er mich dann noch wegen des Kaufs der Doppel - LP " Grand Funk Railroad - Live " abkanzelte, weil er die Platte mir einige Monate davor vorgespielt hatte, war dieses das eigentliche Stoppsignal. Nein, das sind nicht Freunde, mit denen ich gemeinsame Interessen teilen könnte. Drogenkonsumenten gehörten zwar zu den Begleiterscheinungen in jenen Endsechzigern und Siebziger Jahren, doch ich wollte nicht dazu gehören.
An jenem Nachmittag sah ich Dieter B. alias " Meise " zum letzten Mal. Von Wolfgang M. alias " Mozart ", der ebenso wie ich zu der Abschlussklasse 9 S der Volksschule Heeßen gehörte, erfuhr ich Jahre danach, dass er in Hannover ein Studium aufgenommen hätte. Was ich allerdings von meiner Schwester, die mit Rita B., der Schwester von " Meise " befreundet war, hörte, bestätigte mich nur in meiner Entscheidung, den Kontakt zu " Meise " zu beenden. Meine Schwester erzählte mir, dass " Meise " und seine Heroinsucht von den Eltern endlich entdeckt worden war, obwohl er sich die " Drucks " unterhalb der Füße setzte, damit die Einstiche nicht sofort zu sehen sind. Ein Suchtberater entdeckte dieses sofort und empfahl eine Therapie.
Ich sehe ihn manchmal noch vor mir, den heroinsüchtigen Dieter B., genannte " Meise " aus Steinbergen, wenn im " Krautrock Radio " ein Song aus jener Zeit gespielt wird, wie er mit seinen später schulterlangen, dunkelblonden, glatten Haaren und einem von Sommersprossen leicht pigmentierten, rundlichen Gesicht, in der Kote des CVJM im Schneidersitz neben mir sitzt und von irgendwelchen Musikern erzählt.
FLEUR DE LIS - Home Of Minds - 1971:
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