Donnerstag, 8. März 2018

Polizeiruf 110: " Am Abgrund " oder: Zur Bedeutung der Rolle der Frau im Sozialismus.



Der MDR ist ja immer ein Garant für die äußerst beliebte Ostalgie. Ob nun in alten Filmen aus der DDR - Zeit oder in neuen Berichten über sie, wer etwas intensiver zu und über die Bedingungen im ehemaligen Sozialistischen Bruderstaat wissen möchte, der ist beim Mitteldeutschen Rundfunk alle Male sehr gut aufgehoben.

Zu den beliebten Griffen in die Mottenkisten des Vergangenen, zählen natürlich auch die einstigen " Polizeiruf 110 " - Folgen. Diese Serie stellte ja einst das Pendant zum kapitalistisch geprägten " Tatort " dar. Doch die Ermittlungen im " Polizeiruf 110 " sehen wesentlich beschaulicher aus. Und dieses insbesondere dann, wenn es um jene Folgen aus den 1970er Jahren geht.

Vor einigen Tagen zog sich meine bessere Hälfte, die sich mit den Symptomen, der allseits beliebten und nicht nur in Sachsen grassierenden Erkältung und mehr, herum plagte, auf der Coach liegend, eine vom MDR wiederholte Folge des " Polizeiruf 110 " rein. Wer selbst von der winterlichen Erscheinung nieder gestreckt wurde, kann deshalb ermessen, was es heißt, sich dauerhaft schlapp, träge und ausgelaugt zu fühlen. Da ist dem Leidenden jede virtuelle Abwechselung hoch willkommen.

So kredenzte ich meiner besseren Hälfte einen heißen Pott Ostfriesen Tee mit Honig und legte einen zuvor frisch eingekauften Berliner hinzu. Gemeinsam schauten wir uns die olle Schwarte des " Polizeiruf 110 " weiter an, die sie sich bereits mehr als eine halbe Stunde angetan hatte.

Tja, was soll ich sagen: Die Krimis von einst waren realitätsgetreuer. Aber, dieses nur mal so ganz nebenbei gesagt.
Und weil die DDR damals das französische " Secam " - System zum Zwecke der staatlich verordneten und erwünschten Abgrenzung der " PAL " - Farbfernsehtechnik im imperialistischen Teil des unvereinten Vaterlandes eingekauft hatte, war die Qualität des Streifens aus dem Jahr 1979 noch miserabler als jene Gruftie - Streifen aus den Gefilden des einstigen Klassenfeindes.

Die Geschichte des etwas mehr als 1 Stunde über die Flatscreen - Glotze mäandernden Ostalikers ist schnell erzählt:

Bei einer - natürlich illegalen - Fahrübung mit dem DDR - " Karton de Blamage " verliert die Ehefrau des Stuckateurs Peter Januschowitz bei einem Überholmanöver die Kontrolle über die Kiste, gerät in den Gegenverkehr, kommt von der Schlaglochsuchstrecke ab und stürzt einen Abhang herunter. Dort stirbt sie an den Unfallverletzungen. Januschowitz ( hört sich für mich so an, wie mein einstiges Idol Andre´Jarmuszkiewicz des FC Vorwärts Frankfurt / Oder ) gerät aus der vorgegeben, sozialistisch - proletarischen Bahn und beginnt zu saufen. Als dann in einer Filiale der Bank für Landwirtschaft eingebrochen, die dortige Angestellte dabei in eine Abstellkammer eingesperrt und 12.000 Mark entwendet werden, fällt der Verdacht bald auf den gelernten Stuckateur, weil alle übrigen Bewohner und auch Kollegen aus der Brigade sich fragen, woher dieser das Geld für seinen Alkoholkonsum nimmt.
Neben ihm kommen aber weitere 40 Verdächtigte in Betracht, die allesamt von den Polizisten befragt werden müssen.

Der Verdacht verdichtet sich indes auf Januschowitz, der zudem dabei ertappt wird, wie er einen Bündel Geldschein in seiner Küche versteckt. Alles deutet auf ihn als möglichen Täter hin. Doch der Brigadier war es nicht. Es stellt sich heraus, dass es die Bankangestellte Marion Seiffert selbst war, die den Banküberfall fingiert hat, um damit an das Geld zu gelangen, dass sie zuvor von dem gemeinsamen Sparbuch, von dem ihr Mann und sie ein Grundstück kaufen wollten, abgehoben hatte. Damit finanzierte Marion Seiffert kostspielige Geschenke für ihren Geliebten.

  https://de.wikipedia.org/wiki/Polizeiruf_110:_Am_Abgrund


Die eher unspektakuläre, ja biedere 60. Folge des " Polizeiruf 110 " zeigt eine Reihe von politischen Hinweisen und gibt sich zwar auch sozialkritisch, aber auch belehrend. So ist ein saufender Prolet nicht immer ein Bankräuber, eine vernachlässigte und unverstandene Ehefrau darf sich im Sozialismus auch einen Geliebten zulegen und den Polizeiorganen entgeht reinweg gar nichts, wenn sich eine Person auf Abwegen befindet.

Entscheidender aber als jene oktroyierten Erkenntnisse zur Funktionsweise der sozialistischen DDR - Gesellschaft, sind jene Verhaltensmuster, die mir natürlich auch aus den verspießten, vermufften und verlogenen Jahren, der noch post - revolutionären Zeit der 68er bekannt und geläufig sind. Hier war selbst die arbeitende, also werktätige Ehefrau, dem Manne Untertan, wenn es um die Regelungen innerhalb des gemeinsamen Haushalts, der familiären Belange und dem sicherzustellenden Wohlbefinden des heran gezogenen Paschas ging.
Symptomatisch dafür ist u.a. jene Szene in dem 1979er " Polizeiruf 110 " als der gnädige Herr mit einer Tüte bepackt nach Hause in die 3 - Raum - Wohnung kommt und mit Stolz geschwellter Brust zum Besten gibt, dass er sich gerade einen modernen, neuen Anzug gekauft habe. Sie ihm eilfertig die Tüte, den Mantel abnimmt und seine Hauspantoffeln artig hinstellt.

Meine bessere Hälfte echauffierte sich darüber so sehr, dass sie mir jene Szene noch einmal zeigen musste. " Dass war die reale Rolle der Frau im Sozialismus! ", konstatierte sie in einem abschätzigen Unterton. " Dazu hatte ich keine Lust! ".
Das konnte ich durchaus nachvollziehen. Schließlich waren sich die Spießer - Gesellschaft von damals in Ost und West so gleich, wie ein heutiges KZ - Hühnerei dem anderen.

Da mögen die Verfassungen beider deutscher Staaten noch so verschiedenen gewesen sein, in der Nichtumsetzung, der in ihnen intendierten Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann durch das gesellschaftliche, reale Abbild jener Zeiträume, waren sie nahezu deckungsgleich.

Und jetzt ma´Butter bei die Fische: Wozu brauchte ich eine angetraute Hauswirtschaftlerin, wenn ich meinen Ostfriesentee selbst kochen, meine Kartoffeln mit eigenen Händen schälen und die Schmutzwäsche mit der eingestellten Waschmaschine wasche? Es mag an der anerzogenen, proletarischen Knechtschaftsmentalität vergangener Dekaden zwischen Kindheit und später ausgeübten Beruf liegen, dass ich hier auf meine eigenen Kenntnisse bauen kann, wenn es um die alltäglichen Dinge geht.
Doch so mancher Protagonist, so manche Protagonistin, hat heutzutage damit nie Probleme, denn diese Generationen können weder Kochen, noch Kartoffel schälen, geschweige denn einen Staubsauger bedienen.
Warum auch?

Schließlich gibt es Fast Food Fraß an jeder Ecke, zu jeder, auch späten Abendzeit via " Lieferheld " und notfalls geht ma(n) / frau zu Mutti. Das ist schön bequem, kostet nüscht und hilft dabei, den eigenen Leibesumfang zu erhöhen.

Das ist doch real existierender Sozialismus? Ob mit oder ohne Frau!


" Zep " - " Your Time Is Gonna Come " - 1969:



Hach, wat war´n mer jung und dumm?
   

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